Erst wenige Priester angezeigt

MISSBRAUCH ⋅ In der Schweiz werden 172 Priester und Mönche des sexuellen Missbrauchs verdächtigt. Doch nur gegen 20 läuft ein Strafver- fahren. Opfer erheben nun Vorwürfe gegen die Kirche.
26. Mai 2015, 00:00

PHilippe Boeglin, SDA

Nur rund 20 Strafverfahren sind in der Schweiz seit 2010 gegen Priester und katholische Mönche wegen sexuellen Missbrauchs eröffnet worden obwohl die Kirche 172 mutmassliche Täter erfasst hat. Manche der erfassten Straftaten datieren aus den 1950er-Jahren; etliche Verdächtige sind inzwischen verstorben. Doch das ist nicht die einzige Ursache für die Differenz zwischen Verfahren und Anzahl mutmasslicher Täter: Andere Verdächtige hätten sich schlichtweg als «unauffindbar» erwiesen, teilte die Schweizer Bischofskonferenz der Nachrichtenagentur SDA mit. Man weiss also nicht, wo sie sich aufhalten und ob sie wieder Kontakt mit potenziellen Opfern haben.

Lückenhafte Informationen

Dass der Anteil an juristischen Verfolgungen so tief ist, liegt auch daran, dass die Diözesen «sehr lückenhafte» Informationen geliefert hätten namentlich für die Periode zwischen 1950 und 1980. Dies sagt der Priester Joseph Bonnemain. Er ist Sekretär des Fachgremiums «Sexueller Missbrauch im kirchlichen Umfeld» der Bischofskonferenz.

Für verschiedene Nahestehende der Missbrauchsopfer steht ausser Zweifel, dass gewisse Kleriker ihre Kollegen schützen. Bei der Diözese Lausanne-Genf-Freiburg konzentriert sich Bischof Charles Morerod auf die Aufforderung, ihm jene Fälle mitzuteilen, die ihm entfallen seien. Gleichzeitig betont er: «Ich sagte und sage es erneut, dass jede Beschuldigung, welche gegen einen noch lebenden Priester oder einen für die Kirche arbeitenden Laien erhoben wird, sofort der Justiz mitgeteilt wird.»

Diese Mitteilung an die Justizbehörden kann jedoch nur unter gewissen Bedingungen erfolgen, wie die Bischofskonferenz festhält. So dürfen die Diözesen Fälle nur dann melden, wenn die mutmasslichen Missbrauchsopfer ihr Einverständnis geben. Und die Mehrheit von ihnen «will keinen Gang durch die Justiz unternehmen», wie Bonnemain sagt. Nur in einem einzigen Fall darf die Kirche die Zivilbehörden direkt, auch ohne Einverständnis des Opfers informieren. Nämlich dann, wenn ein Rückfallrisiko besteht.

Neun Meldungen von Diözese

Dieses Vorgehen unterscheidet sich klar von jenem der Justiz. Das Strafgesetzbuch bezeichnet die Mehrzahl der Sexualdelikte als Offizialdelikte, die von Amtes wegen verfolgt werden, auch wenn der Betroffene keinen Strafantrag stellt.

Von den 20 mutmasslichen Tätern, die sich letztlich tatsächlich vor einem Gericht verantworten mussten, wurden elf nicht von den Diözesen gemeldet. Stattdessen wurden sie von einem Opfer oder dessen Vertreter eingeklagt. Die Bischofskonferenz hält allerdings fest, dass die Kirche in gewissen Fällen wenn es zu keinem Verfahren kommt – Disziplinarmassnahmen ergreife. Neun Priester seien suspendiert worden, drei andere hätten eine Therapie absolvieren müssen.

Traumatisiert fürs Leben

Und selbst wenn es zu Verfahren käme: Zwischen gewissen Taten und der Anerkennung des Problems durch die Kirche ist viel Zeit verstrichen. Die Justiz musste daher in zahlreichen Fällen bereits Verjährung feststellen. «Das ändert nichts daran, dass Schäden angerichtet und Opfer fürs Leben traumatisiert wurden», sagt Jacques Nuoffer, selbst Opfer und Mitglied des Fachgremiums «Sexueller Missbrauch im kirchlichen Umfeld». Er fordert, dass die Kirche ihre Verantwortung wahrnimmt und Entschädigungszahlungen geleistet werden.


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