Gedränge am Abgrund

NORWEGEN ⋅ Der Fels Trolltunga ist beliebt, aber auch gefährlich. Die Bergretter sind am Anschlag und fordern nun ein Zertifikat für Bergtauglichkeit, um Touristen in Sandalen zu stoppen.
15. September 2016, 00:00

Niels Anner, Kopenhagen

Spektakulär ist nur der Vorname dieser Touristenattraktion. Von der Website Tripadvisor wurde der Besuch der Trolltunga zu den besten zehn Erlebnissen der Welt gekürt. Die Aussicht von dem zehn Meter langen Felsvorsprung ist atemberaubend; von der nur wenige Zenti­meter dicken Spitze geht es 700 Meter abwärts, wo ein See liegt. Doch die «Trollzunge» – der Name ist nicht von ungefähr – bietet auch mehr als genug Gefahren.

Immer mehr Touristen wollen die Sehenswürdigkeit besuchen, und viele unterschätzen den enorm anspruchsvollen Auf- und Abstieg, der acht bis zehn Stunden in Anspruch nimmt. «Einige Touristen, die wir holen mussten», sagte der Bergretter Per Eikeland dem Fernsehsender NRK, «waren so erschöpft, dass sie sagten: ‹Lasst uns liegen, wir sterben hier.›» Die Leute hätten keine passende Kleidung, keine Verpflegung, «und wir müssen ihnen sagen, wie man einen Fuss vor den anderen setzt», so Eikeland.

Vor 2009 kaum bekannt

28 Mal mussten Rettungskräfte diesen Sommer schon auf den 23 Kilometer langen, schmalen Pfad zur Trolltunga ausrücken. Gerettet wurden ältere Amerikanerinnen, deutsche Pfadfinder und ein einjähriges britisches Baby, das stark unterkühlt war.

2009 kannte noch kaum jemand die Sehenswürdigkeit; da kamen 500 Touristen pro Jahr. 2013 schnellte die Zahl auf 20 000 hoch, dieses Jahr werden bereits 100 000 erwartet. Die Region ist daran nicht unbeteiligt: Um dem einst darbenden Tourismus zu helfen, hat sie weltweit spektakuläre Bilder der Trolltunga in sozialen, aber auch gedruckten Medien verbreitet – mit durchschlagendem Erfolg. Nun kommt es auf dem schmalen Aufstieg zu stundenlangen Wartezeiten und oben auf dem Plateau zu Gedränge. Abschrankungen gibt es nicht – sie würden den magischen Ausblick unweigerlich stören und wären schwierig anzubringen. 2015 stürzte hier eine Australierin zu Tode, nachdem sie ein Foto gemacht hatte. Dies führte dazu, dass der Touristenverband von Besuchern publizierte Bilder in seinen sozia­len Medien löschte – um nicht zu ge­fähr­lichen Posen zu animieren. Doch der Auf- und Abstieg schafft ebenso viele Probleme wie die Trolltunga selber.

Wetter verhindert Helikoptereinsatz

Manchmal kommt ein Helikopter zum Einsatz, oft lassen das die Wetterverhältnisse oder die Lage der Touristen aber nicht zu; dann müssen Polizisten oder Retter des Roten Kreuzes den Berg hoch. Die Hilfsorganisation arbeitet mit Freiwilligen und erhält eine kleine Entschädigung vom Staat. Bezahlung von Touristen für Rettungsaktionen will das Rote Kreuz aus Prinzip nicht einfordern. Dagegen wünscht man sich höhere staatliche Beiträge und Kompensation für Lohnausfälle, die die Retter während ihrer Einsätze gewärtigen müssen. Ende August hatte das Rote Kreuz innerhalb von zehn Tagen neun Einsätze geleistet; als eine 20-Jährige nachts um 23 Uhr den Abstieg nicht schaffte, waren keine Retter mehr verfügbar. Schliesslich konnte die Polizei den Besitzer einer Berghütte in der Nähe kontaktieren, der die Frau aufnehmen konnte. Einzige Alternative wäre der Einsatz des Zivilschutzes gewesen.

Um Leute in T-Shirts und Sandalen zu stoppen, fehlen die gesetzlichen Grundlagen: Das skandinavische «Jedermannsrecht» garantiert freien Zugang zur Natur für alle. Doch da sämtliche Warnungen auf Schildern und in Tourismusunterlagen offenbar nichts nützen, fordert die Rettungsorganisation nun ein «Zertifikat für Bergtauglichkeit»: Nur wer gute Ausrüstung, Kondition und Routenkenntnisse vorweist, dürfte den Aufstieg überhaupt in Angriff nehmen. Die lokalen Behörden erwägen zudem eine Sperrung des Trolltunga-Weges bei unsicherer Witterung. Dafür bräuchten sie gesetzliche Ausnahmeregelungen.

Handynetz erleichtert Alarmierung

Um die Rettungsaktionen zu vereinfachen, wurde im Frühling nach fünfjährigen Arbeiten das Handynetz auf dem Wanderweg stark ausgebaut. Das Alarmieren der Bergretter ist damit leichter geworden. Gleichzeitig können die Touristen ihre Selfies direkt von der Trolltunga ins Internet stellen.


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