Museales Spiel mit Emotionen

USA ⋅ Nächste Woche wird in Washington ein neues Museum eröffnet. Es erzählt die Geschichte der USA aus der Sicht der Afroamerikaner.
18. September 2016, 00:00

Renzo Ruf, Washington

Der erste Eindruck im neuen Nationalen Museum für afroamerikanische Geschichte und Kultur: Moderne Museen sind laut. Im dritten Obergeschoss, das sich den kulturellen Errungenschaften prominenter dunkelhäutiger Amerikaner widmet, plärren Jazzpianisten, Popmusiker und Hip-Hop-Pioniere um die Wette. Es fällt schwer, sich zu konzentrieren angesichts der Lautstärke der musikalischen Darbietungen und der Dichte der Informationen über die Stars, die sich ihren ganz persönlichen amerikanischen Traum verwirklicht haben. Diese Kakofonie ist, natürlich, gewollt. Die Ausstellungsmacher hätten es sich zum Ziel gesetzt, die Geschichte des Landes durch die Linse der afroamerikanischen Bewohner zu erzählen, sagt David Skorton, Chef der gemeinnützigen Smithsonian Institution, zu der das Museum gehört. Diese Absicht sei nicht einfach umzusetzen in einem «komplexen Land», das sich ständig entwickle. Die Kuratoren entschieden sich deshalb dazu, auf der emotionalen Schiene zu fahren – und 3000 Ausstellungsobjekte zu zeigen, die Besucher schockieren oder erfreuen und «eine öffentliche Debatte in Gang setzen» werden, wie es Skorton formuliert.

Sklaverei im Mittelpunkt

Die Sklaverei – die Ursünde der amerikanischen Republik – spielt im Innern des Museums eine zentrale Rolle. Grob gesagt besteht das Gebäude aus zwei Teilen, einem chronologischen und einem thematischen. Der chronologische Teil, der mit der komplexen Geschichte über die Sklaverei und die Emanzipation der ehemaligen Leibeigenen beginnt, findet weitgehend unter der Erde statt in recht engen, dunklen Räumen auf drei Kellergeschossen. Wichtige historische Wegmarken – die Gründung der USA, der Bürgerkrieg, die formelle Abschaffung der Rassentrennung in den Sechzigerjahren – werden aus der Sicht der Afroamerikaner beleuchtet anhand dramatischer Ausstellungsgegenstände.

Die letzte historische Ausstellung trägt den Titel «Ein Amerika, das sich verändert» und wirft auch einen Blick auf zeitgenössische politische und wirtschaftliche Kontroversen. Dank moderner Multi-Media-Technik, sagt Kurator William Pretzer im Gespräch, könnten die Ausstellungsmacher recht schnell auf zeitgenössische Debatten reagieren. Dabei wolle sich das Museum aber nicht instrumentalisieren lassen, schon gar nicht im Wahljahr 2016. «Wir wollen unsere Besucher nicht zu stark vor den Kopf stossen», sagt Pretzer.

Die thematisch geordneten Ausstellungsgegenstände werden in zwei oberirdischen, lichtdurchfluteten Geschossen ausgebreitet. Sie sind den kulturellen Erfolgen der Afroamerikaner gewidmet. Und sie drehen sich um Superstars, die im Sport, im Musikgeschäft oder in Hollywood den Durchbruch schafften oder den institutionalisierten Rassismus in den amerikanischen Streitkräften überwanden.

Bestes Beispiel: der kürzlich verstorbene Boxweltmeister Muhammad Ali, dem es schliesslich gelang, trotz seiner kantigen politischen Stellungnahmen die Herzen der Amerikaner zu erobern. Ali ist im Museum ein ganzer Raum gewidmet.


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