Kommentar

Fillon mischt die Karten neu

26. November 2016, 00:00

Das Duell der französischen Konservativen Alain Juppé und François Fillon offenbart den alten Richtungsstreit zwischen gemässigter und orthodoxer Rechten. Dahinter steckt die Frage, wie den Machtgelüsten der Rechtspopulistin Marine Le Pen am ehesten beizukommen ist. Juppé glaubt, dass nur ein breiter Mitte-rechts-Verbund dazu in der Lage wäre. Fillon wiederum behauptet, je «rechter» die Konserva­tiven aufträten, desto mehr Stimmen nähmen sie der Front-National-Kandidatin Marine Le Pen weg.

Was beide übersehen: Mit ihrer Bruderfehde schaden sie sich gegenseitig. Juppés Vorwurf, Fillon lasse sich von Rechts­extremen unterstützen, würde diesen in der präsidialen Stichwahl gegen Le Pen zweifellos Linksstimmen kosten. Fillons Kritik am «weichen» Kurs Juppés könnte klassische Bürgerliche eher in die Arme Le Pens treiben.

Der scharfe Streit der Républicains vermittelt Linken und Liberalen zudem plötzlich wieder Hoffnung auf die Präsidentschaftswahlen im kommenden Mai. Wird am Sonntag der wertkonservative Fillon zum bürgerlichen Spitzenkandidaten für das Elysée, öffnet sich in der Mitte unerwartet neuer Raum – für sozial­liberale Kandidaten wie Emmanuel Macron oder Manuel Valls. Oder sogar für François Hollande, der seine Pläne schon nächste Woche be­kannt geben will und sich durch die leicht gesunkenen Arbeits­losenzahlen beflügelt fühlt.

Fillons erstaunlicher Kometenstart hat die französische Politik schon jetzt durcheinandergerüttelt. Die Folgen sind noch nicht absehbar; sicher ist aber, dass der Ausgang der Präsident­schafts­wahlen im Frühling wieder offen ist.

Stefan Brändle/Paris

nachrichten@luzernerzeitung.ch


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