Kommentar

Frankreich bewahrt Ruhe

22. April 2017, 00:00

Der Anschlag auf den Pariser Champs-Elysées hat in Frankreich niemanden überrascht. Noch diese Woche verhinderte die Polizei in Marseille ein grösseres Attentat in letzter Minute, als sie zwei Verdächtige mit einem ganzen Waffenarsenal verhaftete. Es passt zur perversen Logik des Dschihad, gewollt oder nicht, jene Kandidaten zu fördern, die den Islamismus am härtesten bekämpfen wollen. Denn natürlich erhoffen sich nun jene Kandidaten Auftrieb, die für Recht und Ordnung einstehen – François Fillon und Marine Le Pen.

Fillon verlangte sofort die offizielle Aussetzung der Wahl­kampagne. Die Forderung zeigt, wie schnell der durch Affären angeschlagene Kandidat die Gelegenheit ergreifen will, die vielen unentschlossenen Wähler auf seine Seite zu ziehen. Ob Fillons Kalkül aufgeht, muss sich weisen. «Jetzt erst recht!», hörte man gestern in Paris erneut als Devise. Mehrere der elf Kandidaten setzten auch ihre Wahlkampagnen fort, um diesen «Kriminellen», wie der Linken-Kandidat Jean-Luc Mélenchon sagte, «nicht das letzte Wort zu überlassen».

Es ist auch gar nicht gesagt, dass Marine Le Pen von der neusten Bluttat profitieren wird. So viel Sicherheit sie auch predigt: Als «sicherer Wert» kann sie nun wirklich nicht gelten, würde doch allein schon ihr EU-Ausstiegsszenario Frankreich in eine wirtschaftliche Krise stürzen. Der Anschlag auf den Champs-Elysées führte den Franzosen eher – und einmal mehr – vor Augen, dass das gewaltige Problem der Ban­lieues ungelöst ist. Auch darin zeigt sich der Ernst der Lage. Was die Franzosen zu einem ernsthaften und nicht impulsiven Abstimmungsverhalten anhalten sollte.

Stefan Brändle, Paris

nachrichten@luzernerzeitung.ch


Leserkommentare

Anzeige: