Kommentar

Richtiger Entscheid

02. Dezember 2016, 00:00

Er war der unpopulärste Präsident Frankreichs. Und doch zögerte François Hollande. Man kann es ihm nachfühlen: Sein Entscheid ist in sich eine Erniedrigung. Noch nie hatte ein französischer Präsident in der Fünften Republik nach einem Mandat von sich aus das Handtuch geworfen. Charles de Gaulle, François Mitterrand und Jacques Chirac absolvierten zwei Mandate; Valéry Giscard d’Estaing und Nicolas Sarkozy traten immerhin zur Wiederwahl an (die sie dann verloren). Hollande schafft es nicht einmal bis zu einer neuen Kandidatur. Hollande war integer, korrekt und, was heute durchaus ein Plus ist, berechenbar. Und doch scheiterte sein «Quinquennat», die fünfjährige Amtszeit. Denn sie war nichts als verlorene Zeit. Hollande lavierte stets zwischen den Entscheiden, ohne den oder die gordischen Knoten jemals zu durchschlagen. Die Franzosen, die sich mehr denn je nach einem «homme de providence» (Mann – oder Frau – der Vorsehung) sehnen, hatten das Gefühl, dass sich im Elysée-Palast gar kein richtiger Kapitän befand. Nun macht Hollande Platz. Das ist richtig, das ist gut so für Frankreich: Die temperamentvolle, aber kriselnde Grande Nation braucht einen Staatschef, der die Dinge anzupacken gewillt ist. Und sie zeigt, dass sie einen Neustart will. Vor knapp zwei Wochen haben die konservativen (Primär-)Wähler mit Nicolas Sarkozy bereits einen anderen Ex-Präsidenten aufs Altenteil geschickt. Jetzt ereilt das Schicksal auch Hollande. Mit dem Abgang der beiden Staatschefs blicken die Franzosen resolut nach vorne. Und es ist zu hoffen, dass sie nach der Frustration über die zwei «verlorenen Amtszeiten» nicht – mit Marine Le Pen – ins andere Extrem verfallen.

Stefan Brändle/Paris

nachrichten@luzernerzeitung.ch


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