Perfekter Plan zum Wimbledon-Rekord

17. Juli 2017, 00:00

Zum Abschluss der Federer-Festspiele 2017 demonstrierte der Schweizer Tennissuperstar in Wimbledon nochmals seine einmaligen Fähigkeiten. Der Rasenflüsterer liess im Final dem Kroaten Marin Cilic nicht den Hauch einer Chance und siegte mit 6:3, 6:1, 6:4. Der bald 36-Jährige feierte auf seinem Lieblingsspielplatz ohne Satzverlust den achten Triumph und ist jetzt alleiniger Rekordhalter. Es ist gleichzeitig sein 19. Grand-Slam-Titel, womit er die Führung auf Rafael Nadal (15) und Novak Djokovic (12) um eine weitere Einheit ausgebaut hatte.

Der finale Sieg in Wimbledon, wo sich Federer wie zu Hause fühlt, ist der Höhepunkt eines wundersamen Comebacks, des vielleicht grössten in der Sportgeschichte. Vor einem Jahr musste sich der Maestro auf seinem Heimterrain im Halbfinal von Milos Raonic geschlagen geben. Zu allem Überdruss verletzte sich Federer auch noch am Knie und beendete die Saison vorzeitig. Wie sich herausstellen sollte, war das ein weiser Entscheid. Zunächst sollte natürlich die Verletzung in aller Ruhe auskuriert werden. Aber der Federer-Clan ging auch sonst über die Bücher, denn der Superstar hatte bis zu jenem Zeitpunkt fünf Jahre lang kein Grand-Slam-Turnier mehr gewinnen können.

Der Plan sah vor, bei den Australian Open wieder ins Turniergeschehen einzusteigen mit dem Ziel, in Wimbledon den lange erhofften 18. Titel zu holen, auf seinem bevorzugten Terrain. Dass Federer bereits in Melbourne gewinnen würde, überraschte selbst ihn. Beim Finalsieg gegen Nadal war offensichtlich, dass der Baselbieter nicht nur seine Verletzung überwunden hatte, sondern dass auch im physischen Bereich und an der Technik gefeilt worden war. 1:3 lag Federer im Entscheidungssatz zurück, am Ende hiess es 6:3.

Der Schlüssel zum Erfolg war aber seine Backhand. Auf der Rückhand war Federer immer wieder verwundbar – vor allem gegen Nadal. Beim Australian Open wurde diese Schwäche zur Stärke. Er rückte näher an die Grundlinie heran, schlug die Bälle früher und aggressiver und setzte damit Nadal unter Druck – und nicht umgekehrt. Damit war die einzige kleine Schwäche ausradiert, was ihn noch stärker machte. Federer gehört bei allen Schlägen zu den Top 3, er kann mit all seinen Schlägen die wichtigen Punkte gewinnen. Und dann sind da noch jene Schläge, die es eigentlich gar nicht gibt, die er aber immer wieder aus dem Hut zaubert und mit denen er die Fans entzückt und seine Gegner zur Verzweiflung bringt.

Trotz zwei weiteren Siegen in Indian Wells und Miami im Frühjahr widerstand der Federer-Clan der Versuchung, den Bogen zu überspannen. Es folgte der Verzicht auf das French Open in Paris, wo die Erfolgschancen wegen des überragenden Sandkönigs Nadal jeweils am geringsten sind. So trat der Rasenkönig erholt und entspannt in Wimbledon auf, während seine grössten Gegner schwächelten und vorzeitig nach Hause reisten.

Und jetzt? Was folgt nach dem achten Wimbledon-Triumph und dem 19. Grand-Slam-Titel? «Chomm jetze!», treibt sich Federer nach einem Big Point jeweils selber lautstark an. «Chomm jetze!», wünscht sich auch die weltweit stets steigende Fangemeinde des Schweizer Ausnahmekönners. In dieser Verfassung ist Roger Federer für die US Open in sechs Wochen in New York zu favorisieren. Es wäre sein 20. Major-Triumph – eine Zahl, die auf der Zunge vergeht. Und eine Zahl, die ihn vielleicht für immer zum besten Tennisspieler macht, den die Welt je gesehen hat.25/26

Albert Krütli

albert.kruetli@luzernerzeitung.ch


Leserkommentare

Anzeige: