Kommentar

Punktsieg für Assad

16. April 2018, 00:00

Wer die Bilder der qualvoll erstickten Opfer von Ost-Ghuta noch vor Augen hat, auf den müssen die jüngsten westlichen Raketenangriffe auf Syrien wirken wie ein zynisches Gemogel. Trotz einer Woche martialischer Trump-Tweets beliessen es die Alliierten am Ende wieder nur bei symbolischen Luftschlägen. Und trotzdem – so hart es klingt – war das nächtliche Bombardement unter dem Strich ein Sieg der Vernunft. Der befürchtete Schlagabtausch mit Russland auf syrischem Boden fand nicht statt, aus dem sich leicht ein verheerender Weltbrand hätte entwickeln können.

Damit einher geht die Einsicht, dass für den Westen in Syrien nicht mehr viel zu machen ist. Das Regime in Damaskus hat gesiegt und wird weitgehend die Bedingungen für die Nachkriegszeit diktieren. Entsprechend realitätsfremd klingen die Behauptungen aus Washington, Paris und London, diesmal seien grosse Teile des syrischen Giftgasarsenals zerstört worden. Das Regime hatte tagelang Zeit, seine Anlagen zu evakuieren.

Für Assad war das Ganze ein machtpolitischer Punktsieg. Denn der bewusst schmal kalibrierte Raketenbeschuss zeigt: Der Westen hat sich längst mit dem Diktator abgefunden. Dieser kann den Feldzug gegen seine aufständischen Landsleute ungehindert fortsetzen. Nach Ost-Ghuta wird sich das Regime nun die Nordprovinz Idlib vorknöpfen, die letzte Hochburg seiner Gegner. Der französische Aussenminister lässt keinen Zweifel daran, was in seinen Augen nun auch diesen Menschen blüht. Und so wird die Weltöffentlichkeit schon bald wieder das Gleiche miterleben müssen wie in Ost-Ghuta – die nächsten apokalyptischen Bombenhöllen und die nächsten Massaker mit Nervengift.

Martin Gehlen, Tunis

nachrichten@luzernerzeitung.ch


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