Kommentar

Votum gegen die Vielfalt

19. Juni 2017, 00:00

Die Abstimmung zum Kantonswechsel von Moutier verdient das Prädikat «historisch». Damit wird einer der letzten Territorialkonflikte der Schweiz endlich gelöst, und dies erst noch friedlich. Die Bevölkerung des Städtchens im Berner Jura ist bei ihrer Entscheidung dem politischen und dem gesellschaftlichen Trend zur Homogenisierung gefolgt. Anstatt Vielfalt sucht sie die Nähe zu ihresgleichen. Der Kanton Bern, der sich um gelebte Zweisprachigkeit bemüht, scheint ihr genauso unattraktiv wie die multinationale EU den Briten. Verlockend waren für den krisengeplagten Industriestandort aber auch die Verheissungen eines Neu­anfangs. Ob für Moutier im Kanton Jura alles besser wird, muss sich aber erst noch weisen.

Für Bern ist die Abspaltung seiner grössten französischsprachigen Gemeinde ein Verlust. Viele Deutschsprachige mögen zwar froh sein, dass das «Gschtürm» um die Jura-Frage nun ein Ende hat. Das Engagement für die geschrumpfte Sprachminderheit darf jetzt aber nicht nachlassen. Bern ist mit den zwei Sprachen und seinen vielen Randregionen so etwas wie eine Schweiz im Kleinen. Anstatt zu schmollen, muss der Brückenkanton zeigen, dass es ihm mit der Zweisprachigkeit weiterhin ernst ist.

Bisher war der ganze Prozess ein Musterbeispiel für eine funktionierende Demokratie. Bern und Jura haben zusammen mit dem Bund die emotional aufgeladene Diskussion versachlicht und entschärft. Auch wenn der Entscheid jetzt ge­fallen ist, sind beide Kantone weiterhin gefordert. Bern muss Hand für eine faire Trennung bieten und der Jura dafür sorgen, dass sich auch die berntreuen Einwohner von Moutier willkommen fühlen.

Reto Wissmann

schweiz@luzernerzeitung.ch


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