Auf den Spuren des verschwundenen Gotteshauses

SCHÖTZ ⋅ Auf dem Areal des stillgelegten Schlachthauses hat früher eine Kapelle gestanden. Die vorgesehenen archäologischen Untersuchungen könnten Verbindungen bis nach Irland offenlegen.
20. März 2017, 00:00

Die Geschichte eines kulturhistorischen Schatzes, der womöglich im Untergrund des Hinterlands schlummert, beginnt vor neun Jahren in einem Zürcher Pub. Johann Häfliger kommt mit einem englischen Pressefotografen ins Gespräch. Dieser erzählt von seinen schottischen Wurzeln.Da ha­be man etwas gemein, entgegnet Häfliger. Schötz, sein Heimatort, sei 1184 erstmals als «Scothis» urkundlich erwähnt worden.

Johann Häfliger, gelernter Gemeindeschreiber und Notar, heute als selbstständiger Dienstleister für öffentliche Verwaltungen tätig, beginnt in der Geschichte zu graben. «Nomen est omen», sagt er sich. Seinen Recherchen zufolge muss der Ortsname von jenen «Scotti» abgeleitet sein, die im frühen Mittelalter als Mönche durch den europäischen Kontinent gepilgert sind. «Diese stammten aber nicht aus Schottland. Scotia war vielmehr der alte Name von Irland.» Auch in Deutschland, Frankreich und Belgien finden sich laut Häfliger Orte, die in Urkunden als «Sco­this» belegt sind – und die mit iroschottischen Mönchen in Verbindung gebracht werden können. Diese fielen mit einem ungewöhnlichen Aussehen auf: Anders als die kreisrunde Tonsur, wie sie etwa der heilige Franziskus trug, schoren jene Mönche ihr Haar zur Stirnseite hin von Ohr zu Ohr. Auch ein mächtiger Vollbart und rotbemalte Augenränder sollen charakteristisch gewesen sein.

Radarmessungen weisen auf Überreste hin

Johann Häfliger sitzt am Esstisch, rückt die Brille zurecht. Im Rücken die Aussicht aufs Dorf, vor ihm ein Stoss Dokumente. Der 55-Jährige forscht unermüdlich. Hartnäckig, sagen andere. Er hat mit Geschichtswissenschaftlern aus halb Europa korrespondiert, Archive durchforstet. Gefunden hat er Urkunden und Kalendare – Verzeichnisse von Gedenk- und Festtagen von Klöstern –, die den Bezug zu irischen Mönchen in Schötz herstellen lassen. Das stärkste Argument ist die Weihe einer St.-Johannes-Evangelist-Kapelle, die in einem Kalendar erwähnt wird. «Eine solche Kapelle stand bis im 16.Jahrhundert mitten im Dorf», sagt Häfliger. Überreste davon liegen unterdem stillgelegten Schlachthaus. Dies haben Radarmessungen bestätigt, die er veranlasst hat. Das Kirchenschiff soll gut 17 Meter lang und 7 Meter breit gewesen sein. «Der beim Bau des Schlacht­hofes 1954 dokumentierte Grundriss ist leider unauffindbar.»

Schötz war im späten Mittelalter pfarreilich zweigeteilt: Oberschötz gehörte zu Ettiswil. Die dortige Kapelle St.Stephan und Mauritius wurde später durch den heutigen Bau ersetzt. Niederschötz mit der Kapelle St.Johannes Evangelist war Altishofen zugewandt.

Professor würde Sicherung der Fundstelle begrüssen

Mit seinen Recherchen klopfte Häfliger bei Markus Ries an, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Luzern. «Seine Idee ist interessant, die Archivbelege könnten tatsächlich auf die Anwesenheit von Schottenmönchen hindeuten», sagt Ries auf Anfrage. Solche Niederlassungen habe es in der Bischofsstadt Konstanz und in Memmingen gegeben. «Möglicherweise existierte südlich davon noch eine weitere, diese ist bisher aber nicht identifiziert.»

Auf dem Areal des einstigen Schlachthauses soll künftig eine Überbauung entstehen. «Ich will und kann dieses Projekt nicht verhindern», sagt Johann Häfliger. «Doch die Geschichte der Kapelle soll zumindest bei dieser Gelegenheit archäologisch erforscht werden. Lassen sich irische Mönche in Schötz bezeugen, wäre das eine kulturhistorische Sensation mit europäischer Ausstrahlung.» Eine «archäologische Sicherung der Fundstelle» würde auch Professor Ries begrüssen. «Sollten sich Mauern einer klösterlichen Niederlassung nachweisen lassen, könnten Rückschlüsse auf die Verbindung zwischen der Luzerner Landschaft und dem Bischofssitz in Konstanz gezogen werden.» Es wäre möglich, Aussagen über das Wallfahrtswesen zu gewinnen. «Denn bei Schottenklöstern bestanden in vielen Fällen auch Hospize für Pilger.»

Archäologen wollen «die Augen offen halten»

Das Areal ist offiziell keiner archäologischen Schutzzone zugeordnet. Dennoch weiss auch die Kantonsarchäologie über die Kapelle Bescheid: «Beim Bau des Schlachthauses 1954 stiess man auf Mauern und Gebeine, dies ist im Fundstelleninventar festgehalten», sagt Kantonsarchäologe Jürg Manser. Schötz sei während vieler Epochen «ein attraktiver Siedlungsraum» gewesen. «Hier müssen wir die Augen generell offen halten. Wenn für das Areal ein Baugesuch eingereicht wird, werden wir die Auflage machen, den Aushub archäologisch zu begleiten und die Fundstelle zu dokumentieren.» Aktuell geht Manser – wie auch der Grundeigentümer – davon aus, dass 1954 viel zerstört wurde und kaum mehr etwas zum Vorschein kommt. Würde man dennoch auf Fundamente und einen Friedhof stossen, schätzt er den Aufwand der Untersuchung – und die damit einhergehende Bauverzögerung – auf rund zwei Wochen.

Angesprochen auf Häfligers Theorie, dass die Kapelle Teil einer klösterlichen Anlage gewesen sein könnte, sagt Manser: «Es gibt keinen konkreten Hinweis, dass eine solche je existiert hat.» Aufgrund der «knappen finanziellen und personellen Ressourcen» könne die Kantonsarchäologie «nicht auf blossen Verdacht hin» aktiv werden. «Die Verzichtsplanung beherrscht unseren Alltag, unsere Möglichkeiten sind äusserst beschränkt.» Dies sei umso härter, als sich Archäologie nicht aufschieben lasse: «Wenn wir Sicherheit gewinnen wollen, dann jetzt. Steht der Neubau, ist diese Chance für immer vertan.»

Noch sind die Bauarbeiten in weiter Ferne: Der Gestaltungsplan hat erst die kantonale Vorprüfung passiert, wie der zuständige Gemeinderat Guido Iten sagt: «Zur öffentlichen Auflage sind uns noch keine Unterlagen eingereicht worden.»

Evelyne Fischer

evelyne.fischer@luzernerzeitung.ch


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