Begleitung entlastet Psychiatrie

ASYL ⋅ Psychiatrien behandeln zunehmend mehr traumatisierte Flüchtlinge. In vielen Kliniken gibt es lange Wartezeiten. Nicht so im Kanton Luzern. Hier setzt man den Hebel an einer anderen Stelle an.

29. Januar 2016, 00:00

Yasmin Kunz

Flüchtlinge aus Kriegsgebieten haben Schreckliches erlebt. Sie mussten teils Tötungen mit ansehen, erlebten körperliche oder psychische Gewalt. Die Folge: Die meisten Kriegsopfer sind traumatisiert. Deshalb verzeichnen die psychiatrischen Kliniken schweizweit einen Zuwachs an Flüchtlingen, die Hilfe benötigen. Die psychiatrische Klinik in Basel behandelte in den letzten Monaten einen grossen Anteil von Menschen aus Eritrea oder Syrien, wie Radio SRF berichtet. Die Zunahme an traumatisierten Flüchtlingen stellt die Klinik Basel vor Herausforderungen: So bräuchte man beispielsweise mehr Personal. Dafür fehle jedoch das Geld, denn die Behandlung der Flüchtlinge sei teuer, da es nicht nur Ärzte, sondern auch Übersetzer bräuchte. Der Andrang hat auch für die Traumatisierten Folgen: Flüchtlinge müssen bis zu acht Wochen auf einen Termin warten.

Zürich: Bis 1,5 Jahre Wartezeit

Noch prekärer ist die Situation am Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer am Universitätsspital Zürich, wie die NZZ berichtete. So sagte Ulrich Schnyder, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsspital, dass Flüchtlinge 6 bis 18 Monate auf einen Termin warten müssen. 2014 hat man 150 neue Patienten in ein Therapieprogramm aufgenommen, das von nur 12 Mitarbeitern gestemmt wird. Angebot und Nachfrage stünden in keinem Verhältnis, betont Schnyder. Es breche seinem Team regelmässig das Herz, Traumapatienten auf die Wartebank schieben zu müssen. Ein ähnliches Bild zeigt sich laut NZZ bei der Integrierten Psychiatrie Winterthur.

Anteil bei unter 1 Prozent

Während landesweit ein Andrang von Flüchtlingen auf psychiatrische Kliniken zu beobachten ist, verzeichnet die Luzerner Psychiatrie (Lups) aktuell keine nennenswerte Zunahme. Thomas Lemp, Leiter Kommunikation, sagt: «Der Anteil an Asylsuchenden ist in der Lups nach wie vor marginal.» Im letzten Jahr behandelte die Lups 7300 Patienten ambulant, wovon 54 Asylbewerber waren – also nicht mal 1 Prozent –, darunter 11 Kinder. Im stationären Bereich waren es mit 14 erwachsenen Patienten noch weniger, nämlich rund ein halbes Prozent. Ähnlich sieht es bei der Psychiatrischen Klinik Zugersee aus, die primär einen stationären Bereich anbietet. Klinikdirektor Reto Fausch sagt: «Wir können bei uns nur von Einzelfällen sprechen.»

Die Behandlung traumatisierter Patienten ist oft komplex, bestätigt die Luzerner Psychiatrie. Lemp: «Es sind zusätzliche Kompetenzen im Umgang mit den unterschiedlichen Kulturen gefragt.» Dem schliesst sich Toni Berthel, ärztlicher Co-Direktor der Integrierten Psychiatrie Winterthur, an. Es gebe vor allem zwei Probleme in der Behandlung von Flüchtlingen, sagte er gegenüber der NZZ. Zum einen die sprachlichen Barrieren, zum anderen die kulturellen Unterschiede. Ohne Dolmetscher und zusätzliche Betreuer gehe es nicht.

Gemäss der Luzerner Psychiatrie können die traumatischen Erlebnisse zu Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung oder anderen schwerwiegenden Erkrankungen wie Angststörungen, Depression oder gar psychotischen Erkrankungen führen. Als Psychose bezeichnet man dabei eine schwere psychische Störung, die mit einem zeitweiligen weitgehenden Verlust des Realitätsbezugs einhergeht.

Enge Betreuung

Wieso bei der Luzerner Psychiatrie aktuell eine gegenläufige Tendenz zur landesweiten Entwicklung besteht, ist unklar. Man sei grundsätzlich offen für alle Menschen, die eine psychiatrische Behandlung benötigen würden. Eine Vermutung hat Thomas Lemp dennoch: «Die Hausärzte leisten einen wesentlichen Beitrag in der Versorgung von Flüchtlingen.»

Auch Ruedi Fahrni, Asyl- und Flüchtlingskoordinator des Kantons Luzern, kann über die Gründe für den ausbleibenden Ansturm auf die Luzerner Psychiatrien nur mutmassen. Er sagt: «Wir gehen davon aus, dass unsere engmaschige Betreuung ein Grund dafür ist.» In den kantonalen Durchgangszentren, wo Asylsuchende zuerst aufgenommen werden, führen Pflegefachpersonen Eintrittsgespräche durch. Dabei werde schnell erkannt, wer ärztliche Hilfe benötige, sagt Fahrni. Weiter werden die Asylsuchenden in den Zentren nicht nur «verwaltet», sondern auch in der Bewältigung ihrer persönlichen Situation unterstützt. Sind sie in Wohnungen in den Gemeinden platziert, werden sie zum einen vom Sozialdienst begleitet, zum anderen steht ihnen die Caritas zur Seite, um den Alltag zu bewältigen.

Häufige Diagnose: Kopfschmerzen

Die beschwerliche Flucht hinterlässt nicht nur psychisch Spuren, sondern ruft auch körperliche Beschwerden hervor. So werden beispielsweise bei Frauen und Kindern vermehrt Mangelerscheinungen festgestellt, teilt der Asylkoordinator mit. Aufgrund der schwierigen Umstände, denen die Menschen monatelang ausgesetzt waren, trifft man auch oft auf Magen-Darm-Beschwerden. Weiter würden häufig Kopf- und Rückenschmerzen diagnostiziert. Ärztliche Erstuntersuchungen der Flüchtlinge und Asylsuchenden finden nicht statt. Ruedi Fahrni erklärt: «Die Asylsuchenden werden an der Grenze zu ihrem Gesundheitszustand befragt. Wenn nötig werden erste medizinische Behandlungen eingeleitet.» Kommen sie in den Kanton, findet ein zweites Gesundheitsgespräch mit einer Pflegefachperson des zuständigen Asylzentrums statt. Stellt man einen Bedarf für weitere medizinische Abklärungen fest, werden diese aufgenommen.


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