Caritas muss sich gesundschrumpfen

ASYLWESEN ⋅ Mit dem Jahreswechsel verliert die Caritas den letzten Auftrag im Asyl- und Flüchtlingswesen. Auch die Freiwilligenarbeit in diesem Bereich steuert künftig der Kanton. Das dortige Einsparpotenzial hält sich in Grenzen.

17. Oktober 2016, 00:00

Evelyne Fischer

evelyne.fischer@luzernerzeitung.ch

Die Aufgaben blieben dieselben, gewechselt haben jedoch die Verantwortlichkeiten: Seit Anfang 2016 kümmert sich der Kanton Luzern um die Unterbringung und Betreuung von Asylsuchenden. Zuvor bestand dafür während 30 Jahren eine Leistungsvereinbarung mit der Caritas Luzern (siehe Kasten). Ab 2017 betreut der Kanton auch anerkannte Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene, also Migranten, die das Asylverfahren durchlaufen haben und bleiben dürfen. Auch die dortige Freiwilligenarbeit führt der Kanton künftig in Eigenregie (wir berichteten).

Das Gesundheits- und Sozialdepartement rechnet auf Anfrage fürs Jahr 2016 mit einem Sparpotenzial von «mindestens 3 Millionen Franken gegenüber den ehemaligen Leistungsaufträgen». Zunächst ging man von dreimal weniger aus.

Caritas: 40 Prozent des Umsatzes brechen weg

Die Umstrukturierungen wirken sich auf den Personalbestand aus: Bis Anfang 2017 werden im Asyl- und Flüchtlingswesen im Kanton rund 200 Vollzeitstellen besetzt sein (aktuell 152). Pro Vollzeitstelle wird mit rund 25 Asylsuchenden und Flüchtlingen gerechnet. Massiv geschrumpft ist hingegen die Caritas. «Ende 2015 zählten wir 376 Festangestellte, Anfang 2016 210 und ab dem neuen Jahr werden es noch rund 150 sein», sagt Geschäftsleiter Thomas Thali. Mit dem Verlust der beiden Aufträge – der Unterbringung und Betreuung von Asylsuchenden sowie dem Sozialdienst von anerkannten Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen – brachen 40 Prozent des Umsatzes weg. Weil sich dies nicht kompensieren liess, mussten auf Führungsebene, in Leitungsfunktionen und in den Supportaufgaben rund 20 Stellen abgebaut werden. «Trotz der beiden Abbaurunden schauen wir nun mit Zuversicht in die Zukunft.» Der Aus- und Umbau der Organisation sei gut gelungen. Die Caritas werde weiterhin eine wichtige Rolle im sozialen Luzern spielen können. Ausserdem freut es Thali, dass ein Grossteil der Festangestellten im Asyl- und Flüchtlingsbereich nun beim Kanton weiterarbeite. «Dadurch bleibt ihr Know-how erhalten.»

Auch die Freiwilligenarbeit, die die Caritas in diesem Bereich leistet, wird ab 2017 vom Kanton aus gesteuert. «Von 417 registrierten Freiwilligen engagieren sich deren 34 in Zentren und temporären Unterkünften. Hier ziehen wir uns zurück», sagt Thali. Bestehende Tandems von Freiwilligen mit Asylsuchenden und Flüchtlingen werden weitergeführt. Sie unterstützen die Menschen im Alltag oder im Spracherwerb. Wer sich für ein neues Tandem interessiere, werde an den Kanton weiterverwiesen.

Nicht alle Freiwilligen konnten vermittelt werden

Aus Erfahrung sei das Interesse gross, sich für Asylsuchende zu engagieren. «Vor der Flüchtlingswelle fehlten uns Freiwillige, insbesondere auf dem Land. Mittlerweile hat sich das fundamental geändert.» Die mediale Aufmerksamkeit habe grosse Solidarität ausgelöst. «Wir konnten längst nicht alle Freiwilligen vermitteln.» Wichtig seien eine gute Einführung und Begleitung der Freiwilligen. «Welche Rolle sie wahrzunehmen haben und wo die Grenzen sind, muss klar aufgezeigt werden.»

Um diese Triage vorzunehmen, hat der Kanton eine Koordinationsstelle geschaffen, die seit dem 1. Oktober mit 100 Stellenprozenten besetzt ist. «Die Koordinationsstelle ist die erste Adresse für Anliegen im Zusammenhang mit Freiwilligenarbeit im Asyl- und Flüchtlingswesen des Kantons Luzern», sagt Gesundheits- und Sozialdirektor Guido Graf. «Als Drehscheibe zwischen Freiwilligen, dem Sozialdienst, den Verantwortlichen in den Asylunterkünften sowie den Gemeinden vermittelt die Koordinationsstelle Einsätze und arbeitet Interessierte in die Aufgaben ein.» Die Freiwilligenarbeit ergänze die professionellen Betreuungsleistungen. «Aber sie ersetzt diese keinesfalls.» Wie die Caritas wird der Kanton die Freiwilligen nicht entlöhnen, aber deren Spesen vergüten. Gefragt sei Unterstützung beim Spracherwerb, beim Verfassen von Korrespondenz, beim Begleiten zu Terminen oder im Sport- und Freizeitbereich. «Die Freiwilligenangebote in den Gemeinden werden in den nächsten Wochen von uns erfasst.» Wie gross der Bedarf ist, habe der Kanton noch nicht erhoben.

Noch bis Ende Jahr entschädigt der Kanton die Caritas für die Freiwilligenarbeit – mit 136 Franken pro Dossier. Aktuell zählt der Kanton 1425 Dossiers. Die Zahl dürfte bis 2017 auf 1500 steigen. «Für die Koordinationsstelle werden jährlich rund 150 000 Franken Strukturkosten anfallen.» Würde weiterhin die Caritas die 1500 Dossiers bearbeiten, wäre eine Abgeltung von gut 200 000 Franken fällig.


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