Gastbeitrag

Der Abstieg eines geachteten Berufes

30. November 2016, 00:00

An allen Gymnasien und Berufsschulen des Kantons Luzern fand im Oktober eine Zwangssparferienwoche statt. Dies hätte von uns Staatsbürgerinnen und Citoyens nicht zugelassen werden dürfen. Das hätten wir Lehrpersonen nie mitmachen dürfen. Mit der Akzeptanz dieses national beachteten Armutszeugnisses machten wir uns zu Komplizen der spekulativen und konzeptlosen Luzerner Finanzpolitik.

Dass aus ökonomischen Gründen Schulunterricht eingespart werde, solle sich nicht wiederholen und ein singuläres Ereignis bleiben, meinte der kantonale Bildungsdirektor Reto Wyss. Doch bereits ist aufgegleist, dass mit einer Lektion mehr Unterricht bei gleichem Entgelt künftig derselbe Effekt erreicht wird. Zumindest wird so die Schule nicht mehr eingestellt.

Im Nachhinein hätte es für uns Lehrpersonen nur ein richtiges Verhalten gegeben: trotzdem zu unterrichten. Allem zum Trotz in den Schulzimmern zu sein. Die Anwesenheit der Schülerinnen und Schüler einzufordern und wie üblich inhaltlich und pädagogisch zu wirken. Das wäre der Tatbeweis gewesen, dass Unterrichten nicht nur ein Kostenfaktor ist, sondern ein Auftrag der Gesellschaft an Kompetente und Befähigte. So hätte eindrücklich demonstriert werden können, was «Schulgeben» heisst: Jugendlichen engagiert und bedacht Fachinhalte zu vermitteln, um so mitzuhelfen, dass ihre intellektuellen Kompetenzen angeregt werden. Leider kam mir dies zu spät in den Sinn (ob es denn auch mitgetragen worden wäre?).

«Jetzt tue ned ä so!», meinte ein befreundeter Unternehmer, «wir müssen uns auch zur Decke strecken.» – «Endlich hat es euch einmal erwischt!», belächelten Primarlehrerinnen im Weiterbildungskurs unser Klagen. – «Die vom Staat Bezahlten sollen bloss ruhig sein», schnaubt beim Vorbeigehen an unserer Mahnwache beim Luzerner Theater ein Gewerbler. Ja, wir haben keine Lobby und in der Politik keine Berufsvertreterinnen, obwohl wir zu den besten und zuverlässigsten Steuerzahlenden im Kanton zählen. Es ist zu hören, im Schnitt würden etwa sieben Gewerbetreibende knapp so viele Steuergelder abgeben wie ein höherer Staatsangestellter mit Lohnausweis.

Dass ein Schweizer Kantonsparlament Schulen der Sekundarstufe II eine Woche lang schliesst, um Ausgabenlöcher zu stopfen, war bisher unvorstellbar. Nun ist der Bann gebrochen. Schulunterricht ist eine grosse Kostenstelle, und diese kann eingespart werden.

Doch hier geht es erst in zweiter Linie ums Geld. Zuerst geht es doch darum, dass ein demokratischer Staat den Anspruch hat, möglichst vielen Jugendlichen durch gute Schulen zu Grundfertigkeiten zu verhelfen, die von mündigen Bürgerinnen und qualifizierten Berufsleuten erwartet werden. Dann geht es darum, wie mit einem staatspolitischen Beruf umgegangen wird, für den jede Person meist ohne Entgelt bis zu einem Jahrzehnt ins eigene Studium investiert hat, um die geforderte Qualifikation zu erreichen (oft auch so lange, bis sie oder er sich befähigt fühlten, einen so anspruchsvollen Job auszuführen). – Der Lohn, den sie dafür erhalten, ist eine Entschädigung für erwartete Qualität und erbrachte Leistungen sowie eine Wertschätzung. Wenn solcher Unterricht aus Kostengründen ausfallen kann, wird er zum quantifizierbaren und bewertbaren Gut, wie ein Tisch oder ein Auto.

Unterrichten kann nicht ausschliesslich nach Zeit, Aufwand und Material abgerechnet werden. In meiner bald 40-jährigen Lehrerbiografie habe ich das auf keiner Stufe – von der Primarschule über alle tertiären Stufen bis an die Universität – so angetroffen. Wer mit Jugendlichen oder Erwachsenen arbeitet, wer seine Inhalte nicht mit Willen, Engagement und Interesse an den Zuhörenden weitergibt, überlebt nicht lange. Jahr für Jahr gilt es immer wieder neu, diese Kraft und Beharrlichkeit aufzubringen, Schülerinnen und Schüler anzuhalten, ihre Ziele zu erreichen, und sich tagein, tagaus im Schulzimmer zu bewähren: Das ist für Lehrpersonen wohl das, was sie am meisten fordert und belastet. Diese Leistung ist jedoch kaum messbar oder zu quantifizieren. Wer nun Schulwochen streicht, demotiviert Lehrpersonen nicht nur durchs Lohnsenken, er würgt die Benzinzufuhr für den Antriebsmotor der alltäglichen Schularbeit ab. Eine Schule, die nur in Unterrichtszeit rechnet, vorgeschriebene Ausführung verlangt und dafür Material zur Verfügung stellt, wird zum gesichts- und charakterlosen, mechanischen Betrieb.

Weshalb haben wir das zugelassen? Weil wir Satte und Behäbige davon überrascht wurden. Übrigens erhielt das Sekretariat am Alpenquai bereits während der Zwangssparwoche von Eltern die Anfrage, «ob diese Woche 2017 vor oder an die Herbstferien angehängt werde».

Jürg Stadelmann

kanton@luzernerzeitung.ch

Jürg Stadelmann (1958) ist Historiker und Gymnasiallehrer. Er unterrichtet an der Kantonsschule Alpenquai sowie an der Maturitätsschule für Erwachsene in Luzern. Stadelmann ist Inhaber des Büros für Geschichte, Kultur und Zeitgeschehen www.geschichte-luzern.ch und Leiter der Herausgeber der Stadtführer «Luzern entdecken» und «Discover Lucerne». Dieser Text erschien bereits auf der Website www.luzern60plus.ch und zeigt, dass die vollzogene Sparmassnahme des Kantons noch immer präsent ist bei den betroffenen Lehrern.

kanton@luzernerzeitung.ch


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