Hier packen auch die Kleinsten an

WAUWIL ⋅ Im Normallfall müssen Schüler auf ihre Lehrer hören. Bei der Erweiterung ihres Schulhauses sind es nun aber Kinder und Jugendliche, denen besonderes Gehör geschenkt wird.

02. Dezember 2016, 00:00

Ismail Osman

ismail.osman@luzernerzeitung.ch

In Wauwil laufen die Dinge etwas anders. Dass Schulhäuser erweitert werden müssen, ist im Kanton Luzern keine Seltenheit. In zahlreichen Gemeinden wurden in den letzten Jahren Projekte diskutiert und Kredite gesprochen.

So auch in Wauwil, wo die Gemeindeversammlung im Dezember 2015 einen 3,5-Millionen-Kredit für einen Schulhausanbau und 100 000 Franken für die Neugestaltung der Pausenräume bewilligte. So weit, so gewöhnlich. Die Umsetzung des Anbauprojekts verläuft nun aber alles andere als üblich – und wurde genau dafür vom Kanton ausgezeichnet.

Erste «kinderfreundliche» Schweizer Gemeinde

Aber der Reihe nach: «Wir wollten, dass die Schülerinnen und Schüler von Beginn weg in den Bauprozess eingebunden sind», sagt Gesamtschulleiterin Ursula Matter rückblickend. «Wauwil wurde 2009 als erste Schweizer Gemeinde mit dem Prädikat ‹kinderfreundliche Gemeinde› ausgezeichnet. Im Geiste dieser Auszeichnung wollten wir auch in Bezug auf dieses bevorstehende Bauprojekt handeln.» Konkret: Vom Kindergarten bis zur 3. Sekundarstufe wurden alle rund 230 Schüler in die Planung des Um- und Neubaus einbezogen. Bei der Gestaltung und Ausarbeitung ihrer Pausen- und Schulräume sollen sie mitbestimmen und mitarbeiten. «Unsere Schüler und Schülerinnen setzen sich mit den Innen- und Aussenräumen bewusst auseinander und nehmen wahr, wo es ihnen wohl ist und wo nicht, welche Bedürfnisse sie haben und was sie sich konkret vorstellen», so Matter.

Dass es an Kreativität und Ideen nicht mangeln würde, war absehbar. Um die Ideenströme zu kanalisieren, zog die Schule im Frühling den gemeinnützigen Verein «Drumrum Raumschule» aus Basel hinzu. Nachdem alle Schüler, Eltern, das Schulteam und Interessierte aus der Gemeinde ihre Wünsche und Träume notiert und skizziert hatten, wurde von der Raumschule ein Ideenkatalog erstellt und eine Priorisierung der Wünsche vorgenommen. Dabei zeigte sich, dass Themen wie Farbe, Licht, Organisation und Ausgestaltung der Räume zu den wichtigsten Anliegen gehören. Anschliessend wurde die Prioritätenliste der Bau- und Spielplatzkommission vorgestellt. Ein Ausschuss aus zwei Schülern pro Klasse setzte die favorisierten Ideen in zwei baukulturellen Workshops in Modelle um. Die Baukommission habe nach anfänglicher Skepsis vom Wert der Einbindung der Schüler überzeugen können, sagt Ursula Matter.

Zwei grosse Fenster statt bloss Schlitzfenster

Die Kinder und Jugendlichen ihre Fantasie in Skizzen und Modellen ausleben zu lassen, ist das eine, diese Ideen aber real in die Baupläne einfliessen zu lassen, etwas ganz anderes. Doch genau das geschieht nun. Ein Beispiel: «Für die Korridore waren ursprünglich nur Schlitzfenster vorgesehen», weiss die Schulleiterin. Viel Licht sei jedoch von Beginn weg eines der Kernanliegen der Schülerschaft gewesen. «Nun werden tatsächlich zwei grosse Fenster mit Sitznischen gebaut», sagt Ursula Matter.

Noch mehr Einfluss hofft man auf die Innengestaltung der Räume zu haben. Während so mancher kontemporäre Architekt ein Faible für nackte Betonwände zu haben scheint, kommt das bei den Schülern gar nicht an. Vielleicht auch gerade deshalb, weil solche schon im bestehenden Schulhaus vorhanden sind. «Graue Wände sind für Kinder tote Materie. Der Wunsch nach hellen Räumen ohne graue Wände und graue Pulte wurde sehr deutlich formuliert.»

Die in die Jahren gekommenen Pausenplätze werden erst im Verlauf des nächsten Jahres erneuert – an Ideen mangelt es aber auch hier nicht. So steht etwa ein mögliches Baumhaus sehr hoch im Kurs – aber auch andere Schattenplätzchen und Orte zum «Chillen» sind gewünscht.

Im September 2017 gibt es ein Dorffest

Mittlerweile hat man erste Meilensteine wie Spatenstich (im Juni) und Aufrichtefeier (vergangene Woche) bereits hinter sich – bei beiden Gelegenheiten waren die Schüler und Schülerinnen wiederum massgeblich beteiligt. Der Abschluss des gesamten Projektes soll gemäss Fahrplan Anfang September 2017 mit einem Dorffest gefeiert werden. Bis dahin gibts noch viel zu tun. Für ihren ungewöhnlichen Ansatz in der Umsetzung der Schulhauserweiterung wurde die Schule aber bereits geehrt: Diese Woche wurde ihr der kantonale Kinder- und Jugendaward verliehen (Ausgabe vom Dienstag). Die Anerkennung freut Schulleiterin Ursula Matter besonders: «Ich habe die Stelle hier in Wauwil als Schulleiterin im August 2015 angetreten – gerade eben, weil die Gemeinde 2009 von der Unicef als kinderfreundlich ausgezeichnet wurde. Dieses Projekt ist das lebendige Beispiel für diese Kinderfreundlichkeit.»

www. Ein Video über die Workshops finden Sie unter der Adresse: luzernerzeitung.ch/bonus

PAUSEN- & SCHUL(T)RÄUME - Schule Wauwil from Esther Petsche on Vimeo.

Im Normallfall müssen Schüler auf ihre Lehrer hören. Bei der Erweiterung ihres Schulhauses in Wauwil sind es nun aber Kinder und Jugendliche, denen besonderes Gehör geschenkt wird. Hier gehts zum Video über die baukulturellen Workshops. (vimeo.com, 2.12.2016)




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