«Kunst soll man nicht bewerten»

MUSIKPÄDAGOGIK ⋅ Das Jugendorchester Freiamt (JFO) erfreute am vergangenen Wochenende mit dem Programm «Barock Revival» zahlreiche Zuhörer an drei Konzertabenden.

29. November 2016, 00:00

Ein Barock-Revival mit ein wenig Dada versprach das diesjährige Winterprogramm des Jugendorchesters Freiamt, das in Bremgarten, Boswil und Muri aufgeführt wurde. «Revival» deshalb, weil ausser Bachs Prélude Nr. 8 in es-Moll ausschliesslich zeitgenössische Musik gespielt wurde, darunter eine Uraufführung von Astride Schlaefli. Dada liess sich schliesslich ohne Zweifel eben dieser Neukomposition zuordnen. Es handelt sich dabei um eine Auftragsarbeit, welche Dirigentin Anne-Cécile Gross für ihr 20-köpfiges Orchester schreiben liess. Die im musikalischen Theater beheimatete Komponistin entwarf ein Stück voller Humor, in das sie Gegenstände des täglichen Lebens als Instrumente einband. Es wurde mit Eierschalen, Klebebändern, Gläsern und sogar einem stimmbaren Föhn musiziert. In eines der sechs Fragmente hat die Komponistin die Wintersequenz aus Vivaldis Jahreszeiten eingebunden. Die witzige Komposition bereitete den jungen Musikern offensichtlich ebenso viel Spass wie dem Publikum. «Es ist der Humor, der dieses Stück mit dem Barock verbindet, ebenso wie die Theatralik, die in dieser Zeit ihre Blüte erlebte», sagte die Dirigentin.

Auch die übrigen Darbietungen schlugen eine klar erkennbare Brücke zum Barock. «Die ausgewählten Stücke von Penderecki und Gorecki tragen den gleichen Titel, sind im gleichen Jahr komponiert worden von zwei polnischen Komponisten, die beide denselben Jahrgang haben», stellte Gross fest. «Trotzdem sind sie komplett verschieden. Das finde ich sehr spannend.» Die 17-jährige Harfenistin Julia Püntener aus Baden überzeugte mit der Prélude von Bach ebenso wie mit Rutters Suite Lyrique für Harfe solo und Streicher.

Plattform für junge Talente

«Sie ist eine ganz aussergewöhnliche junge Musikerin mit einem unglaublichen Gespür für die Musik», betonte Gross. «Eine solche Reife ist sehr selten in diesem Alter.» Vor einigen Jahren hat die Dirigentin die Plattform «JOFuter» gegründet für talentierte junge Komponisten und Musiker. «Damit wollen wir begabten junge Leuten die Gelegenheit bieten, sich an Wettbewerben zu messen und bei kleinen Konzerten und Rezitals solistisch aufzutreten oder ihre Kompositionen zu präsentieren.»

Träger des Jugendorchesters Freiamt ist das Künstlerhaus Boswil. Jährlich werden zwei Programme einstudiert, die jeweils im Juni und November aufgeführt werden. Die aus Paris stammende Dirigentin und Cellistin Anne-Cécile Gross ist seit drei Jahren Leiterin des Orchesters. «Vor einem Jahr fand ein Generationenwechsel statt», erzählt sie. «Da braucht es jeweils Zeit, bis man sich findet. Die jüngeren Kinder sind sehr motiviert und harmonieren gut mit den verbliebenen Mitgliedern.» Auch von Seiten der Eltern und des Geschäftsführers des Künstlerhauses Michael Schneider erfährt sie grosse Unterstützung. «Es herrscht eine fantastische Stimmung im Orchester. Das ist sehr motivierend für mich.» Anne-Cécile Gross hat in der Deutschschweiz die richtige Umgebung für ihre künstlerisch erzieherische Haltung gefunden. «Ich habe hier Pädagogen getroffen, welche die entscheidende Fähigkeit haben, nicht zu urteilen.» Kunst solle man nicht bewerten, ist sie überzeugt. «Sonst haben die Kinder Angst, Fehler zu machen. Aber Fehler sind nicht schlimm, im Gegenteil.» Natürlich dürfe man kritisch sein, aber in einem positiven, analytisch forschenden Sinn. «Man sollte etwas einstudieren, es dann anschauen und ohne zu werten überlegen, ob es in dieser Form passt. Ich will wohlwollende Kunst produzieren und lehren, Kunst ist etwas sehr Subtiles.»

Neue Mitglieder nimmt Anne-Cécile Gross jederzeit gerne auf. «Man muss keine bestimmten Anforderungen erfüllen, sollte aber schon etwas Erfahrung haben mit seinem Instrument und viel Motivation mitbringen. Die Lust zu spielen ist entscheidend.»

Cornelia Bisch

cornelia.bisch@zugerzeitung.ch

Hinweis

Das Jugendorchester Freiamt probt jeweils donnerstags von

18.30 bis 20.30 Uhr im Künstlerhaus Boswil.

www.kuenstlerhausboswil.ch


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