Sie spielten sogar im Vatikan auf

LUZERN ⋅ Sie waren Polizisten und Musikanten, nun treten sie als «Fidele Rentner» auf. Für Theo Henseler, Richard Unternährer, Hans Rinert und Jakob Koller war die Musik immer auch Ablenkung vom harten Alltag.
18. April 2017, 00:00

Stephan Santschi

stephan.santschi@luzernerzeitung.ch

«Hallo, du alter Fuchs», sagt Hans Rinert, als sich Jakob Koller neben ihm einfindet. «Das kannst du laut sagen», antwortet dieser und schüttelt seinem Kollegen grinsend die Hand. Die beiden Pensionäre stehen vor dem Eingang eines Vorraums der reformierten Kirche in Horw. Alle zwei Wochen treffen sich hier die «Fidelen Rentner» zum Proben. Hierbei handelt es sich um eine Blaskapelle, die im Jahr 2005 von ehemaligen Musikanten der Luzerner Polizei gegründet worden ist. 13 Mitglieder sind es insgesamt, unser Fokus gilt nun jenen vier, die im letzten März an der Generalversammlung als Ehrenmitglieder aus dem Spiel der Luzerner Polizei verabschiedet worden sind: Theo Henseler (72-jährig) aus St. Niklausen, Richard Unternährer (76) und Jakob Koller aus Horw sowie Hans Rinert aus Sursee (69).

Nun sitzen sie in Kreisform um einen Tisch und berichten von ihrer Leidenschaft für den Polizistenberuf und der Bedeutung der Musik. Kein Zweifel, allesamt sind sie treue Leute, das zeigen nur schon die Zahlen. 53, 51, 47 und 46 Jahre waren Unternährer, Koller, Rinert und Henseler im Spiel der Luzerner Polizei, das vor 54 Jahren gegründet worden ist. Sogar als sie bereits im beruflichen Ruhestand waren, musizierten sie noch eine Weile weiter. «Wir haben Freude an der Marschmusik, und wir haben einen engen Bezug zu unserem Betrieb. Wir wollten immer auch zeigen, dass Polizisten Menschen sind, die nicht nur Busszettel verteilen und sogenannte Radarfallen aufstellen», erklärt Henseler.

Erinnerungen an schwierige Einsätze

Ordnungshüter waren sie allesamt, das war früher die Voraussetzung, um überhaupt in diese Musikformation aufgenommen zu werden. Heute ist das anders, das Spiel der Luzerner Polizei ist auch zugänglich für zivile Interessenten, «direkt vom Grosshof sollten sie aber besser nicht kommen», sagt Koller mit Bezug auf die Krienser Haftanstalt und lacht. Das gemeinsame Musizieren war für sie stets eine willkommene Ablenkung vom Alltag. Unternährer beispielsweise war Unfallsachbearbeiter, und in dieser Funktion traf er an schweren Verkehrsunfällen jeweils als Erster ein. «Ich erinnere mich an einen Vorfall am Bahnübergang in Wolhusen, als ich einen Schwer­verletzten ins Spital fuhr und anschliessend zurückkehrte, um Fotos zu machen.» Auch in der Bergrettungsgruppe traf er auf Schicksale, die nahegingen. «Care-Teams zur Unterstützung bei der Verarbeitung gab es damals noch nicht», gibt Unternährer zu bedenken.

Koller, der zunächst im Ent­lebuch, später in Reiden und schliesslich in Horw zur Sicherheitsabteilung gehörte, weiss derweil von Raufereien in Gaststätten oder von familiärer Gewalt zu berichten. «Ich war allein unterwegs, nicht wie heute, wo Polizisten zu zweit patrouillieren. Manchmal kam ich in eine Wohnung voller Kinder, die Frau hatte ein geschwollenes Auge, und ich wusste nicht, ob der Mann mit dem Beil hinter der Türe stand.» Seine Frau habe zu Hause jeweils das Licht angemacht, wenn eine neue Meldung per Telefon ein­getroffen war. «Funk gab es ja noch nicht. So hat der Staat schön an unseren Frauen verdient.» Heute pflegt er zu Hause seine schwerkranke Frau. Und empfindet wie damals Freude und Auflockerung, wenn er die Kollegen zum Musizieren trifft.

«Das war eine besondere Atmosphäre»

Henseler am Schlagzeug, Rinert mit dem Kornett, Koller mit der Tuba und Unternährer an der Posaune – so traten sie viele Male für das Spiel der Luzerner Polizei in Aktion. An Vereidigungen von neuen Korpsmitgliedern, an Empfängen für Politiker, an militärischen Verabschiedungen, an Betriebsmusikfesten oder an besonderen Anlässen wie zur Vereidigung der Schweizergardisten im Vatikan. «Der Petersdom war voll, und wir spielten die Schweizerhymne. Das war eine besondere Atmosphäre», schwärmt Rinert.

Ihre musikalische Laufbahn lassen die vier Pensionäre nun in der Blaskapelle der «Fidelen Rentner» ausklingen. «Ich muss zugeben, dass ich nur noch ein Schatten meiner selbst bin, ich bin schwächer geworden. Doch das Musizieren hält Sinn und Geist wach», sagt Rinert und erntet zustimmendes Kopfnicken seiner Kollegen. Sie werden zwar nicht mehr von der Luzerner Regierung aufgeboten und gastieren auch nicht mehr am Hof des Papstes. Aber sie zeigen beispielsweise anlässlich des Muttertags am 14. Mai in der reformierten Kirche in Horw (10 Uhr), dass «alte Füchse» ihre Zuhörer noch immer zu unterhalten vermögen.

«Das Musizieren hält Sinn und Geist wach.»

Hans Rinert (69)

Mitglied «Fidele Rentner»


Login

 
Leserkommentare

Anzeige: