«Wir sind nicht die Bösen»

ARBEITSLOSIGKEIT ⋅ Kurt Simon leitete 13 Jahre lang die Abteilung Arbeitsmarkt beim Kanton Luzern. Seit heute ist er Pensionär. Und macht einen Neuanfang – als Karriereberater.

01. Dezember 2016, 00:00

Interview: Kilian Küttel

kilian.kuettel@luzernerzeitung.ch

Kurt Simon, gestern wurden Sie 65, heute sind Sie schon pensioniert. Glück gehabt?

Weil ich am 30. geboren bin und nicht noch den einen Monat arbeiten muss? Sie können es Glück nennen. Aber wenn ich nicht 65 geworden wäre, hätte ich die Abteilung Arbeitsmarkt bei der Dienststelle Wirtschaft und Arbeit (Wira) weitergeleitet.

Sie haben Mühe, aufzuhören?

Nein, das nicht. Aber ich könnte jetzt nicht einfach zurücklehnen und ein ruhiges Rentnerleben führen. Darum bin ich froh, nach meiner Pensionierung eine neue, interessante Aufgabe gefunden zu haben.

Und die wäre?

Ich werde künftig als Karriere- und Outplacementberater arbeiten. Ich betreue also Leute, die von ihrem Arbeitgeber entlassen werden, und versuche, zusammen mit ihnen eine neue Stelle für sie zu finden.

Also machen Sie eigentlich das, was Sie die letzten 13 Jahre als Leiter der Regionalen Arbeitsvermittlungszentren auch getan haben?

Nein, im neuen Job habe ich direkter mit den Menschen zu tun. Ich bin an vorderster Front. Das war ich als Leiter der Abteilung Arbeitsmarkt nicht.

Haben Sie die Schicksale der Menschen, die partout keine Arbeit finden, dadurch überhaupt mitbekommen?

Ja, natürlich. Und das hat mir Eindruck gemacht. Ich habe alleinerziehende Mütter gesehen, die krank waren, aber kein Geld hatten, um zum Arzt zu gehen. So etwas lässt einen nicht kalt. Es würde vielen guttun, einmal zu sehen, was einem im Leben alles passieren kann. Ohne grosses Einkommen auskommen zu müssen und nicht zu wissen, wie man im nächsten Monat über die Runden kommt – so etwas geht an die Psyche.

Das klingt empathisch. Die RAV haben doch sonst den Ruf, Arbeitslose nur zu kontrollieren und selber psychischen Druck aufzusetzen.

Sehen Sie, wir müssen Arbeitslose so rasch und so nachhaltig wie möglich wieder in den Arbeitsmarkt integrieren. Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass sie selbst alles unternehmen, um eine neue Stelle zu finden. Wir sind gezwungen, das zu kontrollieren – und auch zu sanktionieren, wenn sich jemand nicht genügend bemüht.

RAV bedeutet doch Regionales Arbeitsvermittlungszentrum. Haben Sie nicht den Auftrag, Stellen zu vermitteln?

Wir müssen Arbeitslosen das Rüstzeug geben, selber eine neue Stelle zu finden. Das aber zu tun, liegt in der Verantwortung der Arbeitslosen selbst. Wir vermitteln schon auch Stellen, aber das in Ergänzung zu den Bemühungen der Arbeitslosen.

Wenn sich jemand zu wenig bemüht, streichen Sie Taggelder. Ist das nicht zu streng?

Nein, ist es nicht. Die Arbeitslosenversicherung ist eine Versicherung – und dort gilt das Prinzip der Schadenminderung. Wenn jemand nicht alles unternimmt, um schnell wieder einen Arbeitsplatz zu haben, leistet er keine Schadenminderung. Also kürzen wir wie jede Versicherung unsere Leistung. Das tun wir, weil wir müssen, nicht weil wir wollen. Wir sind nicht die Bösen.

Und dennoch haben Sie genau diesen Ruf. Hatten Sie die letzten 13 Jahre nicht einen undankbaren Job?

Undankbar? Nein. Es war eine sehr sinnvolle Aufgabe, und ich bin jeden Tag gerne zur Arbeit gekommen. Und wenn uns die Leute kritisieren – damit muss man leben können. Es gehört zum Geschäft, dass wir nur in der Öffentlichkeit stehen, wenn sich jemand ungerecht behandelt fühlt oder wir einen Fehler machen.

Passiert das oft?

Sicher machen auch wir Fehler. Reklamationen sind aber oft auch einfach unbegründet. Ich habe erlebt, dass Arbeitslose Bewerbungen oder gar Absagebriefe fälschen, um damit Arbeitsbemühungen nachzuweisen. Merken wir dies und sanktionieren sie deswegen, werfen sie uns das in der Öffentlichkeit vor. Doch das ist eine absolute Minderheit. Wenn man aber nur von diesen Fällen hört, bekommt der Missbrauch eine völlig falsche Bedeutung und stellt alle Arbeitslosen unter Generalverdacht. Das darf nicht sein.

Wie schlimm ist es heute, arbeitslos zu sein?

Arbeitslosigkeit ist immer noch ein sehr einschneidendes Erlebnis. Es ist aber weniger schlimm als früher. Inzwischen weiss man, dass sie jeden treffen kann. Trotzdem werden Langzeitarbeitslose immer noch stigmatisiert und als faul abgestempelt – das stimmt einfach nicht.

Was raten Sie jemandem, der seinen Job verloren hat?

So schwer es fällt – es ist ganz wichtig, die Arbeitslosigkeit zu akzeptieren und die Energien in die Stellensuche zu stecken. Es kann wirklich jedem passieren, arbeitslos zu werden. Der Arbeitsmarkt ist unverbindlicher und egoistischer geworden.

Eine gute Entwicklung?

Die Wirtschaftswelt ist heute ­extrem profitorientiert. Die Menschlichkeit bleibt oft auf der Strecke. Ich bezweifle, dass dies nachhaltig ist. Nichts gegen Gewinn – aber etwas mehr Menschlichkeit wäre trotzdem möglich und vor allem viel sinnvoller. Ein Einzelner kann das heutige System nicht verändern.

Also müssen wir uns fügen?

Natürlich muss der Arbeitnehmer mitspielen. Das kann er am besten, wenn er seine fachlichen und sozialen Kompetenzen pflegt. Soziale und kreative Eigenschaften sind immer gefragt und können nicht automatisiert oder ausgelagert werden. Vor allem aber muss man agil bleiben, seine Fähigkeiten selbst entwickeln und sich veränderten Anforderungen schnell anpassen. Allerdings klingt das viel einfacher, als es ist.

Früher haben Sie für den FC Luzern verteidigt, dann arbeiteten Sie in der privaten Jobvermittlung, später bei der Wira, und jetzt werden Sie Karriereberater. Sie leben diese Flexibilität also gleich selber?

In gewisser Weise sicher. Flexibel ist ein gutes Stichwort. Mir geht es darum, agil zu bleiben. Körperlich versuche ich das mit Sport. Und damit ich geistig fit bleibe, trete ich jetzt einen neuen Job an – auch noch mit 65.

Hinweis

Kurt Simon wurde am 30. November 1951 geboren. Der 65-Jährige war 13 Jahre Lang Leiter der Abteilung Arbeitsmarkt bei der Dienststelle Wirtschaft und Arbeit (Wira). Von 1971 bis 1976 spielte er für den FC Luzern in der Nationalliga A und B. Heute hält er sich mit Skifahren und Krafttraining fit. Er lebt mit seiner Frau Bea in Luzern.


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