Berater ersetzen Billettverkäufer

NOTTWIL ⋅ Der Billettverkauf an bedienten Bahnschaltern wird Ende Jahr vielerorts verschwinden. Es sei denn, der Ständerat spricht sich heute gegen den Abbau aus. Bereits aufatmen kann Nottwil – dank einer Speziallösung.
13. September 2017, 00:00

Roger Rüegger

roger.rueegger@luzernerzeitung.ch

Die klassische Bahnhofszene, bei der Zugreisende der Person hinter einem Tresen ein Billett abkaufen, verschwindet mehr und mehr. Auf Ende Jahr beenden die SBB die Zusammenarbeit mit diversen privaten Stationshaltern sowie mit Migrolino, Valora und der Post (wir berichteten).

Im Kanton Luzern sind die Stationen Nottwil, Reiden, Rothenburg sowie Ebikon davon betroffen. An diesen Bahnhöfen wird der persönliche Billettverkauf auf Ende 2017 eingestellt. ÖV-Benutzer können ihre Billette dort künftig nur noch an Automaten oder aber per App beziehen. Das Problem: Längst sind noch nicht alle Bahnkunden mit diesen Technologien vertraut.

Unterstützung für handicapierte ÖV-Nutzer

Immerhin werden die Bahnbenutzer (noch) nicht an allen Bahnhöfen alleine gelassen. In Nottwil beispielsweise hat man eine spezielle Lösung gefunden, wie der Tagesanzeiger gestern berichtete. Es handelt sich um das «Beratungscenter Handicap». In der Praxis unterstützen Berater die Bahnkunden an Ort und Stelle beim Kauf von Billetten oder helfen ihnen mit Auskünften verschiedenster Art. Alberto Bottini, Leiter Vertrieb & Services der SBB, hat sich im Juni zum Spezialprojekt geäussert: «Am Standort Nottwil sind wir – gemeinsam mit dem Schweizer Paraplegiker-Zentrum – daran, spezifische Schulungsmodule für die Patienten zu erarbeiten. Ausserdem arbeiten wir an einer Lösung für den Standort Nottwil, welche die Menschen mit eingeschränkter Mobilität ins Zentrum stellt.»

In erster Linie soll die Beratung Menschen mit einem Handicap zur Verfügung stehen. Laut Walter Steffen, Gemeindepräsident von Nottwil, kann aber jeder ÖV-Nutzer Beratung anfordern, der mit der modernen Technik nicht klarkommt. «Wir stehen mit den SBB seit längerer Zeit in Verhandlungen. Wir haben uns lange dagegen gewehrt, dass der bediente Bahnhof verschwindet. Aber man kann die Digitalisierung auf Dauer nicht aufhalten. Den Billettverkauf gibt es nicht mehr.» Gemeinsam mit dem Paraplegiker-Zentrum und dem Seminarhotel Sempachersee hat sich die Gemeinde als IG Bahnhof starkgemacht, dass eine verträgliche Lösung gefunden wird. «Wir sind froh, dass sich die SBB bewegt haben und wir gemeinsam die Alternative mit der Unterstützung gefunden haben. Auch wenn diese nicht dieselbe Qualität wie ein Billettschalter hat. Aber immerhin», so Steffen. Die Beratung vor Ort werde in Nottwil bis auf weiteres angeboten.

Bundesbern berät über Moratorium

So oder so ist das letzte Wort in dieser Sache noch nicht gesprochen. Der Nationalrat verlangt einen Aufschub der Schalterschliessungen bis 2020. Heute wird das «Moratorium für den Serviceabbau bei den SBB-Drittverkaufsstellen» im Ständerat behandelt. Sollte dies in der kleinen Kammer durchkommen, könnte sich in der Sache eine andere Lösung zeigen. Genauere Angaben zum Spezialangebot «Beratungscenter Handicap», das in Nottwil aufgebaut wird, wurden gestern von den SBB auf Anfrage nicht beantwortet. Mediensprecher Reto Schärli bemerkt dazu: «Zu Nottwil finden noch weitere Gespräche statt. Erst nach Abschluss dieser können wir Details kommunizieren.» Auch zu den Drittverkaufsstellen in den übrigen Luzerner Gemeinden äussert sich Schärli nicht und verweist auf das Moratorium, das heute im Ständerat behandelt wird.


Leserkommentare

Anzeige: