Das Chilezänni wacht über dem Dorf

ALTISHOFEN ⋅ Die Pfarrkirche St.Martin mit ihrem romanisch-frühgotischen Turm bildet zusammen mit dem dahinterliegenden Schloss und der Zehntenscheune ein aussergewöhnliches Ensemble. Ins Auge fallen aber auch drei skurrile Figuren.
30. August 2017, 00:00

Susanne Balli

susanne.balli@luzernerzeitung.ch

Sie fällt schon von weitem auf. Die Pfarrkirche St.Martin in Altishofen, welche 1771/72 vom bekannten Kirchenarchitekten Jakob Singer – wahrscheinlich zusammen mit dem ebenso bekannten Kirchenbauer Jakob Purtschert – erbaut wurde. Sie bildet mit dem Schloss von 1571 und der Zehntenscheune ein aussergewöhnliches Ensemble, das den historischen Dorfteil von Altishofen prägt. Dieser gehört nicht umsonst zu den schützenswerten Ortsbildern der Schweiz mit nationaler Bedeutung.

Augenfällig ist der Turm der Kirche mit fast quadratischem Grundriss, der sich auf ganz eigene Weise von anderen Kirchtürmen umliegender Ortschaften abhebt. Er stammt aus dem 14. Jahrhundert und gehört zu den wenigen bedeutungsvollen Zeugnissen mittelalterlicher Sakralarchitektur im Kanton Luzern. Besonders auffallend sind drei skurrile Steinfiguren, die unter dem durch die Sonnenwärme verdrehten hölzernen Kirchdach hervorlugen und sich durch ihre Buntheit von der weissen Turmfassade abheben. Eine Figur ist den Altishofern besonders wichtig – das im Volksmund genannte Chilezänni an der Ostseite des Turms, das an der Dorffasnacht eine wichtige Rolle spielt. Eine weitere Steinfigur wird «Widder» genannt, und eine dritte erinnert an ein katzenartiges Tier. Solche Figuren hatten die Funktion, Böses abzuwehren.

Die Altishofer schätzen ihr Kulturgut

Diakon Roger Seuret (55) leitet die Pfarrei Altishofen seit 2011. «Es ist eine kleine und gute Pfarrei. Die Altishofer wissen, dass die Kirche mit dem Schloss und dem Klösterli wertvolles Kulturgut ist. Sie haben den Erhalt des Ensembles immer mitgetragen, was nicht selbstverständlich ist», sagt Seuret.

Die Geschichte Altishofens geht weit zurück. Bei einer Kirchenrenovation kamen alamannische Gräber aus dem 7. Jahrhundert zum Vorschein. «Im 13. Jahrhundert war Altishofen im Besitz der Freiherren von Balm», sagt Roger Seuret. Später fiel der Besitz an das Heilige Römische Reich. 1312 erwarb der Deutsche Ritterorden mit Sitz in Hitzkirch die Herrschaft Altishofen. Doch im 16. Jahrhundert befand sich der Orden im Niedergang und sah sich gezwungen, 1571 die Herrschaft Altishofen an den reichsten Eidgenossen seiner Zeit, an den «Schweizerkönig» Ludwig Pfyffer, zu verkaufen. «Er und seine Nachkommen nannten sich von da an ‹Pfyffer von Altishofen›, obwohl sie gar nie Bürger von hier waren», erzählt Roger Seuret. Sie waren und blieben Stadtluzerner.

Altishofen besass seit der Zeit der Freiherren von Balm eine Zentrumsfunktion für die Umgebung. Zur Pfarrei Altishofen gehörten neben dem Ort selber die Gemeinden Dagmersellen, Buchs, Ebersecken, Egolzwil, Wauwil, Nebikon und Schötz. Die Umrittsprozession an Christi Himmelfahrt, die von den Pfarreien zusammen durchgeführt wird, erinnert heute noch an den gemeinsamen Ursprung.

1770 wurde die Vorgängerkirche der heutigen Kirche für die vielen Pfarreiangehörigen zu klein. «Die Familie Pfyffer wollte aber zuerst keine neue Kirche, sie befürchtete, dass ihr durch ein grösseres Gotteshaus vor ihrem Schloss die Aussicht genommen wird», sagt Seuret. Dennoch beschloss der kleine Rat von Luzern den Bau eines neuen Kirchenschiffs. Es wurde nordwärts verschoben zum alten Kirchenschiff im Barockstil gebaut. Der Turm der alten Kirche blieb erhalten. Steigt man heute die Treppe im Turm hoch, kann man noch die Umrisse sehen, wo das alte Kirchenschiff angebaut war.

Durch die weissen Wände und die zahlreichen mit Ornamenten verzierten Wand- und Deckengemälde wirkt das breite Saalkirchenschiff offen und hell. Die Gemälde stammen von Melchior Paul von Deschwanden aus Stans und Jost Troxler aus Beromünster. Die heutigen Fenster datieren das Jahr 1901 und stammen von den Luzerner Glasmalern Danner und Renggli.

Das grosse Altarbild ist eine Kopie eines Bildes des italienischen Malers der Renaissance Antonio da Correggio. «Einmal habe ich eine Mail eines Altishofers erhalten, der in Parma Ferien machte und mir schrieb, er habe dort in einer Kirche genau dasselbe Bild entdeckt wie bei uns in Altishofen», erzählt Seuret.

Pfarrei war während dreier Monate Bischofssitz

In Innern, links vom Eingang, ist eine Büste des Bischofs von Basel Eugenius Lachat (1819–1886) zu sehen. Er wurde im Zuge des Kulturkampfes 1873 von seinem Amt abgesetzt. «Lachat war drei Monate lang im Pfarrhaus Altishofen im Exil, Altishofen war also während dreier Monate Bischofssitz», sagt Roger Seuret mit einem Schmunzeln.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts lösten sich nach und nach alle Gemeinden von ihrer Mutterpfarrei. Heute zählt die Pfarrei Altishofen zusammen mit Ebers­ecken rund 1360 Katholiken.

Hinweis

Quelle: Altishofen 1190–1990 (Festschrift), 1996 (2. Auflage).

www. Bereits erschienene Beiträge der Kirchenserie finden Sie unter: luzernerzeitung.ch/serien

Leserkommentare

Anzeige: