Gemeinde zeigt sich aufmüpfig

ZWEIJAHRESKINDERGARTEN ⋅ Dagmersellen sträubte sich bislang, den Eintritt in den Kindergarten nicht nur im August, sondern auch im Februar explizit anzubieten. Nun ist der Kanton eingeschritten – und mahnt die Gemeinde in einem weiteren Punkt.
20. Juni 2017, 00:00

Evelyne Fischer

evelyne.fischer@luzernerzeitung.ch

In der Verordnung zum Gesetz über die Volksschulbildung steht klar: Der Eintritt in den Kindergarten ist halbjährlich möglich. Die Dagmerseller Schule forcierte dies bislang nicht und liess die Info in ihrem Konzept ausser Acht. Der Halbjahreseintritt existierte somit faktisch nicht. Nun hat die kantonale Dienststelle Volksschulbildung die Gemeinde aufgefordert, diese Lücke auf das neue Schuljahr hin zu schliessen.

Gesamtschulleiter Josef Rütter erklärt das Umschwenken: «Wir wollen keine Informationen unterschlagen, daher passen wir das Konzept an.» Grundsätzlich steht er dem Halbjahreseintritt kritisch gegenüber. «Wenn dieser Schule macht, kann dies eine grosse Planungsunsicherheit zur Folge haben.» Gemeinderat Markus Riedweg, der das Ressort Bildung betreut, pflichtet bei: «Der Halbjahreseintritt stört auch das Klassengefüge, die Kinder müssen sich wieder neu orientieren.»

«Grosse Entwicklung» dank Halbjahreseintritt

Anders sieht dies Charles Vincent, Leiter der Dienststelle Volksschulbildung: «Der Eintritt ins zweite Semester ist für einige eine sinnvolle Lösung, weil ein Kind in einem halben Jahr eine grosse Entwicklung machen kann.» Dass diese Option die Planung erschwere, kann er nicht nachvollziehen: «Aktuell betrifft dies deutlich weniger als ein Kind pro Kindergartenklasse.»

In Dagmersellen verteilen sich aktuell 67 Kinder auf vier Chindsgi. Eltern werden hier nicht persönlich über das freiwillige Jahr des Zweijahreskindergartens ins Bild gesetzt. «In den Kindergärten liegen Infoblätter auf, zudem machen wir das Angebot im ­Mitteilungsorgan der Gemeinde publik», sagt Riedweg. «Würden wir die Eltern explizit anschreiben, könnte dies falsch verstanden und als Aufforderung zum Besuch des zweiten freiwilligen Jahres aufgefasst werden.»

Obligatorisch in den Kindergarten müssen Kinder, die bis am 31. Juli 5 Jahre alt werden. Für den Eintritt ins freiwillige zweite Jahr gibt es laut kantonalem Merkblatt folgende drei Kriterien: Das Kind soll den Schulweg selber bestreiten können, den Blockzeitenrhythmus einhalten und sich selbstständig umkleiden können. «Dies ist in der Regel ab vollendetem viertem Lebensjahr der Fall.» Weit kritischer gibt sich die Dagmerseller Schule. Ihre Anforderungsliste ist zwölf Kriterien lang. Nebst den genannten sollen die Kinder etwa auch selbstständig aufs WC gehen, die Hände selber waschen, die Nase putzen und Grenzen akzeptieren können. Rütter stützt sich auf die kantonale Verordnung, in der stehe: «Die Kinder müssen den Anforderungen genügen.»

Vincent übt Kritik an dieser Handhabung: «Die Vorgehensweise der Schule Dagmersellen entspricht nicht den kantonalen Vorgaben. Die Kriterienzahl darf nicht beliebig erhöht werden.» Das Gesetz sehe den früheren Kindergarteneintritt durchaus vor. «Darum dürfen die Hürden nicht zu hoch angesetzt werden.» Man habe die Schulleitung anlässlich der Schulaufsichtsgespräche darauf aufmerksam gemacht, «dass Korrekturen nötig sind».

«Ein Kindergarten ist keine Kita»

Gesamtschulleiter Rütter verteidigt die Kriterienliste. Es gehe nicht darum, dass man sich gegen zusätzliche Abteilungen sträube oder Platznot herrsche – schliesslich weihe die Schule Mitte ­August weitere Räume ein. Mit dem Anforderungskatalog wolle man vielmehr die «nötige Reife» sicherstellen. «Ein Kindergarten ist keine Kita.» Bei Kindern im ­Alter von 4 3/4 Jahren werden daher telefonisch Abklärungen gemacht. «Bei Kindern im Alter von 4 1/2 Jahren und jünger prüfen wir den Eintritt in einem Gespräch. Mit dabei sind nebst den Eltern das Kind und eine Kindergartenlehrperson.» Ziel sei es, einen Entscheid zu fällen, der für das Kind und die Klasse optimal sei. Bei einem negativen Entscheid werde nach Lösungen gesucht. Die Spielgruppe könne eine Alternative sein, wenn auch eine kostenpflichtige. Im letzten Schuljahr habe man von drei solchen Gesuchen zwei abgewiesen. «Den negativen Entscheid stellen wir den Eltern in jedem Fall samt Rechtsmittelbelehrung schriftlich zu.»

Dies sei zwingend nötig, betont Vincent: «Ein Gespräch oder ein Brief reichen nicht. Wenn einem offiziellen Gesuch der ­Eltern nicht stattgegeben wird, muss dies den Eltern mit einem beschwerdefähigen Entscheid mitgeteilt werden.» Zu einer ­Beschwerde an den Kanton sei es bislang aber noch nie gekommen.

Übrigens: Auch bei der Basisstufe, die Dagmersellen im Ortsteil Buchs anbietet, wäre ein Übertritt in die dritte Klasse im Februar, mitten im Schuljahr, möglich. Theoretisch. «Hier machen wir weiterhin nicht mit», sagt Rütter. «Das ist eine Idee von Schreibtischtätern, die sich nicht umsetzen lässt.»


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