Hinschauen nimmt den Schrecken

STERBEBEGLEITUNG ⋅ Die Pflegimuri hat eine Vortragsreihe zu Palliative Care organisiert. Die Initianten wollen damit ein gesellschaftliches Tabu brechen.
14. September 2017, 00:00

Die Pflegimuri lud kürzlich zum Informationstag über Palliative Care. Oder Sterbebegleitung, wie man früher sagte. Gemeint ist nicht die aktive Sterbehilfe, bei der Menschen geholfen wird, ihr Leben vor dem natürlichen Versagen des Organismus zu beenden. Sondern die Pflege, Unterstützung und Fürsorge für Sterbende, solange sie noch leben. «Allgemeine Pflege fokussiert stark auf klare Rahmenbedingungen und strukturierte Tagesabläufe, wie etwa das tägliche Waschen des Patienten», sagt Margrith Fischer. Sie ist Pflegefachfrau in der Pflegimuri und zusammen mit Martina Keusch Teil der Fachgruppe Palliative Care. Diese soll in der Pflegeinstitution den Geist des palliativen Ansatzes dem gesamten Pflegepersonal näherbringen.

«Bei der palliativen Pflege stehen viel mehr die individuellen Bedürfnisse des Sterbenden im Zentrum.» So ist manchmal ein Gespräch, bei dem sich der Bewohner etwas von der Seele ­reden kann, wichtiger als die termingerechte Essenseinnahme. Im Rahmen des Informationstags am Dienstag fanden Vorträge rund um das Thema Palliative Care statt. Unter anderem berichtete Claire Huwyler über die Begleitung schwerkranker und sterbender Menschen durch Freiwillige der Aargauer Landeskirchen. Diese haben im Aargau ein interkonfessionelles Netzwerk aus 160 Freiwilligen aufgebaut.

Huwyler selbst ist ausgebildete Pflegefachfrau und Koordinatorin der Freiwilligeneinsätze. Ausserdem hat sie selbst schon mehrere Male Sterbende begleitet. «Wichtig ist, dass man dem Patienten ohne Erwartungen und ohne die eigenen Probleme begegnen kann.» Denn was konkret dem Sterbenden das Leben einfacher macht, ist sehr individuell. Ihre Arbeit findet aber nicht lediglich in den letzten Tagen des Sterbens statt. «Eine gelungene Betreuung beginnt im besten Fall schon früher. So kann sich zwischen dem Sterbenden und dem Begleiter später Vertrauen ent­wickeln.»

Der Tod als Lebensschule

Diese Arbeit verlangt viel von den Freiwilligen. Viel Zeit, viel Energie und ein gut geschultes zwischenmenschliches Instrumentarium. Letzteres geben ihnen die Aargauer Landeskirchen in verschiedenen Aus- und Weiterbildungen an die Hand. Ausserdem wird jeder Freiwillige von professioneller Supervision betreut. Geraten sie in eine überfordernde ­Situation, werden die vielleicht belastenden Erlebnisse verarbeitet und Hilfe beigezogen. Diese Arbeit sei aber nicht nur anspruchsvoll und energieraubend, sagt Claire Huwyler, sondern ­berge auch eine grosse Qualität für die Freiwilligen: «Nicht wir schliessen den Toten die Augen – sie öffnen uns die unseren», zitiert die Freiämterin. Auch die Beauftragte für Kommunikation und Kultur der Pflegimuri, Carmen Frei, hat schon Sterbende begleitet und sieht das ähnlich. «Man sollte nicht wegschauen, wenn Menschen sterben – im Gegenteil. Wenn man hinschaut, verliert der Tod seinen Schrecken.»

Nachholbedarf in der Gesellschaft

Es sei ein wenig «wie mit der Arbeit mit Kindern», findet Huwyler. «Kinder geben einem viel Fröhlichkeit und Unbefangenheit. Jemanden auf seiner letzten Reise begleiten zu dürfen, löst bei einem selbst einen Reifeprozess aus, der sich nur erleben, nicht vermitteln lässt.» Das Thema Sterben und Tod gehört für die beiden deshalb auch ins gesellschaftliche Bewusstsein. «Deshalb ist es uns auch ein Anliegen, dass unsere Arbeit in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.» Natürlich unterstehen die Begleitpersonen in Bezug auf individuelle Erlebnisse einer Schweigepflicht gegenüber ihren Patienten. Die allgemeinen Aspekte würden sie gern vermehrt in den öffentlichen Diskurs einbringen.

Wolf Meyer

redaktion@zugerzeitung.ch


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