Hohe Strafe für den Pyrowerfer

FANGEWALT ⋅ Das Bundesstrafgericht hat mit drei Jahren teilbedingter Gefängnisstrafe ein wegweisendes Urteil gegen einen Fan des FC St.Gallen gefällt. Ein Rekurs vor Bundesgericht ist wahrscheinlich. Der FCL und die Fanarbeit verweisen auf die nationalen Organe.
10. August 2017, 00:00

Gerhard Lob, Bellinzona

kanton@luzernerzeitung.ch

Der Beschuldigte S.T. nahm die Urteilseröffnung regungslos zur Kenntnis. Fast eine Stunde begründete der vorsitzende Bundesstrafrichter Martin Stupf gestern das Urteil gegen den bald 24-jährigen Fussballfan, der im Februar 2016 während eines Spiels in der Swisspor-Arena zwischen dem FC Luzern und dem FC St.Gallen vier Pyrogegenstände aufs Feld geworfen hatte (Ausgabe von gestern).

Die ausgesprochene Freiheitsstrafe beträgt 36 Monate. Davon muss der verurteilte Mann aus Herisau die Hälfte absitzen, die andere Hälfte ist bedingt auf drei Jahre ergangen. Zudem wurde der Fussballfan zu 180 Tagessätzen a 50 Franken (9000Franken) und einer Busse von 700 Franken verurteilt. Dem Zuschauer und Familienvater, der den Hörschaden erlitt, muss der junge Mann eine Genugtuung von 12000 Franken bezahlen.

Die drei Richter gelangten zur Auffassung, dass es sich – im Gegensatz zu den beiden Rauchtöpfen – bei den aufs Spielfeld geworfenen Kreiselblitzen tatsächlich um Sprengstoff im Sinne des Schweizerischen Strafgesetzbuches handelte. Der Pyrowerfer sei sich bewusst gewesen, welch grosse Gefahr vom Druck- und Knalleffekt ausgegangen sei. Er habe bei dieser Aktion, die dem ehemaligen Sicherheitschef des FC Luzern gegolten habe, klar in verbrecherischer Absicht gehandelt, weil er sich vor dem Wurf vermummt habe. «Wer sich vermummt, führt etwas Böses im Schilde», so Stupf. Zudem sei er hinterhältig und feige gewesen und habe bis heute weder Einsicht noch Reue gezeigt.

Opfer ist auf einem Ohr fast taub

Erwiesen war für die Bundesstrafrichter der Tatbestand der schweren Körperverletzung, da der Knall eines Kreiselblitzes bei einem Familienvater aus dem Kanton Luzern nachweislich ­einen irreversiblen Hörschaden ausgelöst hatte. Auf einem Ohr nun fast taub, leidet er ex­trem unter seiner Situation und ist im Beruf als Wirt und Landwirt stark eingeschränkt.

Zum schweren Tatverschulden gehört laut Bundesstrafgericht auch die Sachbeschädigung des Rasens, die der Verurteilte anerkannt hatte, sowie Brandflecken durch Funkenflug auf der Jacke des am Ohr geschädigten Zuschauers. Wegen des Arsenals von 1651 Sprengkörpern, das der junge Mann in seinem Schlafzimmer angelegt hatte, erging auch ein Schuldspruch wegen mehrfacher Widerhandlung gegen das Sprengstoffgesetz.

Zufrieden zeigte sich nach dem Urteil Bundesstaatsanwalt Hansjörg Stadler, da seinem Strafantrag weitgehend entsprochen wurde. Es sei ein gutes Urteil, «auch für alle echten Fussballfreunde, so wie ich einer bin». Ganz anders tönte es von Verteidigerin Manuela Schiller, die weitgehend auf Freispruch plädiert hatte. Die Urteilsbegründung ist ihrer Meinung nach ausgesprochen emotional und wenig juristisch ausgefallen. Sie kann nicht verstehen, warum es für den Besitz des beim 24-Jährigen gefundenen Sprengkörpers eine Bewilligung brauche. Zudem hätte die Möglichkeit eines fahrlässigen Handelns zumindest geprüft werden müssen, so Schiller.

Sie wird nach Sichtung des schriftlichen Urteils entscheiden, ob vor Bundesgericht Beschwerde eingelegt wird. Dies sei wahrscheinlich, aber es gebe auch ein Problem, weil ihr Mandant über keine finanziellen Mittel verfüge. Tatsächlich gab er vor Gericht an, bei monatlichen Einkünften von rund 3000 Franken zugleich Schulden in Höhe von 20000 bis 30000 Franken zu haben.

Winiker: «Urteil hat Leitcharakter»

In Luzern reagiert man zurückhaltend, wie eine Umfrage unserer Zeitung zeigt. Justiz- und Sicherheitsdirektor Paul Winiker (SVP) spricht von einem «Urteil mit Leitcharakter». Und er sagt: «Das ist hoffentlich ein Zeichen dafür, dass strafrechtlich relevante Vergehen im Umfeld von Fussballspielen konsequent bestraft werden, wenn die Täter eruiert werden können.» André Bühlmann, Präsident des FCL-Fanclubs Löwenherz, bezeichnet das Urteil als «viel zu mild. Man müsste viel härter durchgreifen.»

Der FC Luzern sowie die Fanarbeit Luzern verweisen beide auf die nationalen Organe. Die Swiss Football League und die Fanarbeit Schweiz nehmen das Urteil zur Kenntnis, behalten sich aber weitere Einschätzungen vor, da das Urteil noch nicht rechtskräftig sei.

Mitarbeit: Martina Odermatt


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