Jede vierte Kuh hat ein zu pralles Euter

LANDWIRTSCHAFT ⋅ Eine Studie kommt zum Schluss, dass 23Prozent der Kühe an grossen Viehschauen zu wenig gut gemolken wurden. Die Luzerner Viehzuchtverbände zweifeln an dieser Zahl. Der Veterinärdienst wiederum sieht die Lage weniger positiv.
10. November 2017, 00:00

Roseline Troxler

roseline.troxler@luzernerzeitung.ch

An Viehschauen sollen sich die Kühe von ihrer besten Seite präsentieren. Wenn die Tiere im Schauring vorgeführt werden, richten sich die Augen auch auf ein schönes Euter. Doch eine Untersuchung zeigt nun: Fast jede vierte Kuh hatte dieses Jahr an den vier grossen nationalen Viehschauen, darunter der «Bruna» in Zug, ein viel zu volles Euter, wie die «Bauernzeitung» berichtet. Wird eine Kuh lange nicht gemolken, kann sich in der Folge ein schmerzhaftes Ödem bilden.

Mit einer neuen Methode soll künftig der Füllungsgrad des Euters genau bestimmt werden. Sie wurde durch den Veterinär Adrian Steiner im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft der Schweizer Rinderzüchter und des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen entwickelt. Zum Einsatz kommt dabei ein Ultraschallgerät. Ziel ist es nicht, jede Kuh mit dem Gerät zu untersuchen, sondern gezielt auszuwählen. Die neue Methode soll bereits an der Swiss Expo in Lausanne im Januar zum Einsatz kommen.

Tradition und Mitmachen stehen im Vordergrund

Josef Portmann, Präsident von Braunvieh Luzern, ist erstaunt über die hohe Zahl betroffener Kühe. «Ich habe mit einem geringeren Anteil gerechnet.» Portmann geht aber davon aus, dass die Zahl bei regionalen Viehschauen tiefer ist. «Hier stehen vor allem Tradition, Kameradschaft, Geselligkeit und das Mitmachen im Vordergrund», sagt er. Gleich tönt es bei Hanspeter Streit vom Luzerner Fleckviehzuchtverband. «Ich gehe davon aus, dass die Hemmschwelle bei nationalen Viehschauen geringer ist.» Bei regionalen Schauen hingegen würden wirtschaftliche Interessen eine weniger grosse Rolle spielen. Othmar Kunz vom ­Zentral­- schweizer Holsteinzuchtverband äussert generell Zweifel an der Untersuchung. «Ich halte eine Zahl zwischen 10 und 15 Prozent für realistisch.»

Josef Portmann erklärt, dass eine sogenannte Überladung des Euters äusserlich schwer zu erkennen sei. Gleichzeitig betont er, dass bereits heute strenge Kon­trollen vorgenommen würden. «Die Kühe werden jeweils von drei Personen kontrolliert. Im Zweifelsfall wird ein Tierarzt beigezogen.» Ihm seien in den letzten Jahren keine Fälle von Sanktionen bekannt. Hanspeter Streit hingegen nennt einen Fall an der diesjährigen Viehschau in Hohenrain. «Die Kuh wurde sofort gemolken und konnte danach an ­ der Schau teilnehmen.» Othmar Kunz unterstreicht, dass man sich an den Schauen des Zentralschweizer Holsteinzuchtverbands an die Vorgaben der Arbeitsgemeinschaft der Schweizer Rinderzüchter halte. «Die Bauern wissen gut, was erlaubt ist und was nicht.» Eine Ausnahme habe es an einer Schau im Frühling gegeben. Der Züchter wurde von der Teilnahme ausgeschlossen.

Ganz so positiv wie die Zuchtverbände schätzt der Luzerner Veterinärdienst die Situation nicht ein. Martin Brügger, stellvertretender Kantonstierarzt: «23 Prozent erachte ich zwar als zu hoch, insbesondere für die lokalen und regionalen Veranstaltungen. Es braucht aber eine konsequentere Umsetzung der Vorgaben durch alle Aussteller.» Brügger würde es begrüssen, wenn die Ultraschallmethode künftig in der Lage wäre, eine klare Aussage über den Füllungszustand der Euter zu machen, und betroffene Tiere dadurch sofort gemolken beziehungsweise von der Ausstellung weggewiesen werden könnten. «Der Füllungsgrad ist heute schlecht messbar und Kontrollen somit noch schwierig.» Gleichzeitig stellt Brügger fest, dass Extremfälle sehr selten vorkommen und einige Massnahmen bereits von den Veranstaltern vorgesehen seien – etwa, dass Viehschauen weniger lange dauern sollen. Dadurch reduziere sich die Gefahr, dass eine Kuh zu lange nicht gemolken würde.

Verband hofft auf «praxistaugliches Gerät»

Josef Portmann begrüsst grundsätzlich, wenn es künftig ein «praxistaugliches Gerät» gibt, um ein Euterödem zu entdecken. Gleichzeitig äussert er gewisse Bedenken: «Konflikte könnten dann entstehen, wenn man bei einer Kuh visuell keinen Verdacht schöpft und der Züchter aufgrund des Ultraschalls trotzdem sanktioniert wird.» Hanspeter Streit zweifelt, dass das Gerät an regionalen Schauen je zum Einsatz kommen wird: «Die Kontrollen sind bereits heute gut.»

An Viehschauen, die eine Bewilligung brauchen, ist der Veterinärdienst jeweils vor Ort. Dabei handelt es sich um Schauen mit überregionalem Charakter oder um solche, die mehrere Tage dauern. Bei den übrigen Schauen macht der Veterinärdienst Stichproben. Brügger betont: «Der Veranstalter ist in jedem Fall selber verantwortlich für die Einhaltung der Vorgaben im Bereich Tiergesundheit und Tierschutz.»


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