Jetzt spricht der höchste ÖV-Lobbyist

DACHVERBAND ⋅ Norbert Schmassmann, Direktor der Verkehrsbetriebe Luzern (VBL), wurde zum Präsidenten des Verbundes öffentlicher Verkehr gewählt. Er sagt, wie er diese Position nutzen will – und warum es bei ihm von Montag bis Freitag kaum ein Privatleben gibt.
14. September 2017, 00:00

Interview: Susanne Balli

susanne.balli@luzernerzeitung.ch

Norbert Schmassmann, Sie wurden letzte Woche in Fribourg zum Präsidenten des Verbundes öffentlicher Verkehr (VÖV), dem nationalen Dachverband der Transportunternehmen des öffentlichen Verkehrs, gewählt. Wie kamen Sie zu dieser Ehre?

Der Wahl ging verbandsintern ein mehrmonatiger Nominationsprozess voraus, da mehrere Kandidaten zur Verfügung standen. Da ich bereits Vizepräsident war, war ich in einer guten Ausgangsposition.

Ihre engsten VBL-Mitarbeiter haben Sie aufgrund der Wahl am Freitag mit einem Old­timer vom Bahnhof abgeholt. Überraschung gelungen?

Ja, die Überraschung war perfekt. Erst im Nachhinein habe ich kapiert, weshalb sich meine Frau per Whatsapp für meine Ankunft im Bahnhof Luzern interessierte. Ich meinte, sie käme mich einfach abholen.

Können Sie sich nun als Präsident des VÖV noch stärker für einen Luzerner Tiefbahnhof einsetzen?

Mit dieser Frage habe ich eigentlich gerechnet. Sagen wir es so: Der Tiefbahnhof kommt jetzt nicht schneller, aber sicher nicht langsamer. Das Problem ist die Priorisierung der grossen Bahnprojekte in Bundesbern. Will Luzern einen Durchgangstiefbahnhof, muss Luzern weiterkämpfen und wahrscheinlich auch Geld in die Hand nehmen.

Was können Sie selber tun?

In meiner neuen Funktion kann und will ich mich auf diplomatische Art für dieses kommende Jahrhundertwerk einsetzen. Aber nicht so, dass mein Einsatz kontraproduktiv werden könnte.

127 Transportunternehmen und rund 180 Unternehmen aus Wirtschaft und Industrie sind Mitglieder des VÖV. Wie viel Einfluss hat der Verband auf politische Entscheide?

Der VÖV nimmt zu allen landesweiten verkehrspolitischen Fragen Stellung. Er fasst auch bei allen verkehrspolitischen Vorlagen Parolen. Aber auch zu Tariffragen und Tariferhöhungen äussert sich der Verbund auf einer strategisch-politischen Ebene. Ich denke, der VÖV hat Einfluss – wie andere Verkehrsverbände auch.

Welches sind Ihre Ziele als Präsident?

Erstens: Die ÖV-Kundinnen und -Kunden in den Fokus stellen ist wohl das Wichtigste. Zweitens: die Digitalisierung der Branche auf eine gute Art bewältigen, zum Nutzen der Kundschaft und im Hinblick auf Effizienzsteigerungen in den Transportunternehmen. Drittens: eine umsichtige Politik mit einer Priorisierung der kommenden ÖV-Grossprojekte im Rahmen der zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel.

Kämpfen andere Städte ebenso wie Luzern gegen verstopfte Strassen?

In der VÖV-Kommission geht es in der Tat in allen Schweizer Städten letztlich um das Gleiche: Schaffung und Erhaltung guter Voraussetzungen für einen funktionierenden, zuverlässigen und attraktiven öffentlichen Verkehr.

Welches sind künftig die grössten Herausforderungen für den öffentlichen Verkehr?

Eine der grössten Herausforderung steckt in den Möglichkeiten aufgrund der Digitalisierung: Ich erwähne hier selbstfahrende Fahrzeuge und kurzfristiger die Modernisierung der Vertriebs­kanäle, etwa mittels Apps.

Sie sind Direktor der VBL, CVP-Kantonsrat, Synode­präsident der reformierten Landeskirche und nun auch noch Präsident des VÖV. Gibt es da noch ein Privatleben?

Jein. Montag bis Freitag – inklusive Abende – ist die Agenda voll. Aber am Wochenende nehme ich mir die Freiheit abzuschalten. Das sind immerhin zwei von sieben Tagen. Und in den Ferien kann ich ab dem ersten Tag abschalten, auch wenn ich halt einmal pro Tag irgendwo meine Mails lese. Homestorys, um die Existenz eines Privatlebens zu beweisen, gibt es über mich keine.

Hinweis

Norbert Schmassmann ist seit 21 Jahren Direktor der Verkehrsbetriebe Luzern. Der 60-Jährige ist verheiratet und Vater dreier erwachsener Kinder. Dieses Interview wurde schriftlich geführt.


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