Mit Muskelkraft um den See

SLOW-UP ⋅ Für einmal mussten die Autos in der Garage bleiben. Am Slow-up rollten gestern 35000 Begeisterte gemächlich um den Sempachersee – und konnten unterwegs sogar noch etwas lernen.
21. August 2017, 00:00

Manuel Burkhard

kanton@luzernerzeitung.ch

Bei den Heuballen staut sich der Verkehr. Mitten auf der Hauptstrasse liegen sie und zwingen die Durchfahrenden zu einem langsamen Slalom. Aber man ist ja sowieso ohne Eile unterwegs. Für einmal gehörten gestern die Strassen um den Sempachersee ganz dem Langsamverkehr. Rund 35000 Leute nutzten die Chance, um bei meist sonnigem Wetter am achten Slow-up Sempachersee auf der autofreien Strasse den See zu umrunden – so viele wie seit der ersten Durchführung nicht mehr. Fahrrad, Rollschuhe, Trottinett, Skateboard – alles, was mit Muskelkraft betrieben wird, war willkommen.

Die ersten autofreien Sonntage 1973 waren eine vom Bund verordnete Massnahme zum Benzinsparen. Beim Slow-up, gewissermassen dem kleinen Bruder im Geiste, steht das Lebensgefühl im Zentrum: das Wetter geniessen, ein bisschen Bewegung, das aussergewöhnliche Gefühl einer Strasse ohne Autos. Eine spontane Umfrage, warum man denn inmitten tausender Leute um einen See radeln soll, förderte die unterschiedlichsten Motive zu Tage. Was kaum Platz hatte, waren sportliche Ambitionen – zu dicht der Verkehr. Wagemutige Überholmanöver ernteten Blicke, die irgendwo zwischen skeptisch und böse zu verorten waren.

In vier Stunden um den See

Der Slow-up zwingt zur Gemächlichkeit – und trifft damit den Nerv der Zeit. Vor 17 Jahren am Bielersee erstmals durchgeführt, finden heute im ganzen Land jährlich rund 20 solche Veranstaltungen statt. Ein Blickfang waren gestern etwa die Fahrzeuge von Joel Estermann (14), Lukas Kramer (15) und Martin Wespi (13) aus Nottwil. Ihre pedalbetriebene Mischung aus Traktor und Gokart sah zwar nicht besonders bequem aus, aber: «Mit dem Velo fahren ja alle anderen. Da machen wir lieber etwas Besonderes.» Natürlich war auch der Kraftaufwand grösser als bei einem Velo. Sie rechneten für die 24 Kilometer lange Strecke mit einer Fahrtzeit von vier Stunden und einem stattlichen Muskelkater. Am Schluss aber überwog die Freude, ihr Spielzeug aus Kindertagen wieder mal zu bewegen.

Der Slow-up beschränkt sich nicht auf die Strasse. Am Streckenrand locken Spiele, Wettbewerbe und Hüpfburgen, sogar eine befahrbare Modellstadt, in der das richtige Verhalten im Verkehr geübt werden kann. Der neunjährige Franek Koch aus Hildisrieden hat gut zugehört und die Herausforderung von Kreuzung und Kreisel gemeistert. Zwar sei er schon mit Verkehrsregeln vertraut gewesen, aber: «Ich habe gelernt, dass man mit dem Velo im Kreisel in der Mitte fahren soll.» Und dank der Helfer wurde aus der Seeumrundung ein seeumrundendes Volksfest.

www. Weitere Fotos vom Slow-up unter: luzernerzeitung.ch/bilder

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