Moby-Dick-Reunion unter den Kastanien

DAGMERSELLEN ⋅ Sie standen in den 1970ern mit englischen Bands auf der Bühne und waren weitherum ein Begriff. Jetzt gibt die Rockband Moby Dick ein Comeback – mit dem «Alpen-Hendrix» Bruno Eicher.
06. Juli 2017, 00:00
www. Weitere Impressionen von Moby Dick unter: luzernerzeitung.ch/bilder

Pirmin Bossart

kanton@luzernerzeitung.ch

36 Jahre lang führte der heute 66-jährige Fredy Fellmann in Dagmersellen eine Zahnarzt-Praxis. Er war von Anfang an international vernetzt und einer der ersten Zahnärzte in der Schweiz, die sich auf Implantate spezialisierte. Doktor Fellmann lächelt. «Als ich ein langhaariger Jugendlicher war und Rockmusik spielte, hiess es im Dorf: ‹So, wie du rumläufst und was du für Musik machst, wird nichts Rechtes aus dir werden.›»

Sowohl an Klassik wie auch an Rock interessiert

1967 gründete Fellmann die Pop-Band Magicals, inspiriert von The Beatles und The Kinks. «Am 1. Schweizer Pop-Festival in Thun belegten wir den 3. Platz.» Der Kantischüler war musikalisch talentiert. Er spielte Gitarre, Geige und Klavier. «Ich habe mich schon als Jugendlicher für klassische Musik interessiert und spielte über 20 Jahre lang Violine und Bratsche im Orchesterverein Reiden.»

Parallel dazu entwickelte sich sein Interesse für die Rockmusik. Seine Musikerkollegen in Dagmersellen waren John-P. Kronenberg und Gery Bucher, der später internationale Bands in die Schweiz holte, als DJ die ersten Discos veranstaltete und dann mit seiner Tanzschule Weltmeister im Rock-’n’-Roll-Tanz wurde. Fellmann liebte Eric Clapton und Cream, später die Art-Rock-Bands Yes und Emerson, Lake & Palmer. Kein Wunder, dass er sich bald als versierter Keyboarder und Hammondorgel-Spieler etablierte.

Nach den Vorläuferbands Magicals, Steam und The Group gründete Fellmann im August 1973 mit dem Gitarristen Bruno Eicher, dem Bassisten John-P. Kronenberg und dem Schlagzeuger Werner «Jogurt» Jurt die Band Moby Dick. Das Quartett spielte vor allem rockige Eigenkompositionen von Fellmann und Eicher. Ein Album wurde nie veröffentlicht. Es existiert lediglich eine Single, die 1976 in Genf aufgenommen wurde. Als Live-Band waren Moby Dick weitherum ein Begriff, doch in Dagmersellen blieben sie Exoten. 1967 wurden sie nach einem Konzert von Leuten im Dorf mit Steinen beworfen, weil sie mit ihrem Aussehen und ihrer Musik nicht der Norm entsprachen. Und in der Bäckerei, die Fellmanns Eltern führten, schüttelten Kunden oft die Köpfe und beanstandeten, dass der Sohn lange Haare hatte und «solche Musik» machte.

In der Zentralschweiz als Alpen-Hendrix bekannt

Im Union Luzern spielten Moby Dick als Vorband der Faces mit Sänger Rod Stewart, im Kunsthaus Luzern traten sie mit UFO auf. Auch mit den britischen Bands Warhorse, East of Eden oder Climax Bluesband teilten sie die Bühne. Im Volkshaus Zürich hatte Moby-Dick-Gitarrist Bruno Eicher einen Solo-Auftritt, bevor Status Quo ihren Boogie-Rock zelebrierten.

Eicher hatte 1970 am Isle of Wight Festival hinter der Bühne mit Jimi Hendrix und Gilberto Gil gejammt. Seitdem war er in der Zentralschweiz als «Alpen-Hendrix» bekannt. Der «pensionierte Teenager» ist auch mit 67 ein totaler Gitarren-Maniac geblieben. «Legendär waren auch Jogurts Drums-Soli», sagt Fellmann. Bei einem Gig mit Savoy Brown eilte die Band aus der Garderobe hinter die Bühne, um diesen, wie sie sagten, «ausserordentlichen Schlagzeuger zu hören».

Noch gut erinnert sich Fellmann an den Auftritt in Zürich mit Stan Webb’s Chicken Shack, einer englischen Bluesrock-Band. «Dort wollte mich Stan Webb als Organist anheuern. Er meinte, ich würde mit ihnen 250 Pfund pro Woche verdienen.» Fellmann, der sich immer als Amateur verstanden hatte, winkte ab. Auch eine konkrete Einladung an das berühmte Isle of Wight Festival mussten sie absagen. «Es wäre zu teuer geworden, wir konnten es uns finanziell nicht leisten.» Aber da war auch die Erkenntnis, dass sie als Band letztlich doch zu wenig gut und ambitioniert waren, um international mithalten zu können.

Lediglich Bruno Eicher war richtig angefressen und träumte von einer Karriere als Rockstar. Als er realisierte, dass Moby Dick keine Profi-Ambitionen hegte, stieg er aus und wurde Gitarrist der Obwaldner Band Why Blood, um mit diesen den Durchbruch zu versuchen. Nach Eicher kam Gitarrist Seppi Albisser in die Band, ein ausgezeichneter Blueser, den sie den «B.B. King von Schötz» nannten. «Bis kurz vor Seppis Tod im Jahr 2010 haben wir zu viert noch jede Woche in meinem Studio gespielt. Dann hörten wir auf.»

Erstaunlich mutet an, dass Fredy Fellmann trotz Klassik, Clapton und Rock seit über 40 Jahren ein grosses Herz für elektronische Musik hat, die er auch selber produziert. Schon 1970 importierte er einen «damals sauteuren» Mini-Moog und später einen der ersten Kurzweil-Synthesizers aus den USA. «Ich komponiere selber Stücke und habe mir auch den Spass erlaubt, alle Moby-Dick-Songs in einer elektronischen Version einzuspielen.» Trotzdem hat er sein Schaffen immer als Feierabend-Hobby-Musik verstanden. Fellmann zitiert dazu Wilhelm Busch: «Ein Konzert von Dilettanten/Stimmt auch nicht gleich jeder Ton/Wie bei rechten Musikanten/Ihnen selbst gefällt es schon.»

Moby Dick wären wohl definitiv in der Versenkung verschwunden, wenn nicht Bäckermeister und Unternehmer Willi Suter aus Egolzwil im Herbst 2016 mit Fredy Fellmann in Kontakt getreten wäre. «Suter interessierte sich für unsere Single und fragte, ob ich nicht mit seiner eigenen Band WLP das Stück ‹Labyrinth› spielen würde. Bald kamen wir drauf, dass Moby Dick besser gleich selber auftreten sollte. Ich fragte meine alten Kumpels, und sie waren begeistert.»

Reunion im Gasthaus St. Anton

So kommt es, dass Fredy Fellmann am 8. Juli 2017 seine legendäre Hammond E-100, den Minimoog und ein paar Synthies in das Gasthaus St. Anton in Egolzwil zügeln wird, um in der Gartenbeiz die Moby-Dick-Reunion wahr werden zu lassen. Es darf einfach nicht regnen. Sonst fällt der Gig ins Wasser und taucht der Wal womöglich endgültig ab.

Hinweis

Die Rocknacht unter den Kastanien findet am 8. Juli 2017 im ­Restaurant Stänton, Egolzwil (Gasthaus St. Anton), statt. Das Programm: 20 Uhr WLP (Mundart-Rock), 21.30 Moby Dick (Reunion 40 Jahre). Die Rocknacht findet nur bei schönem Wetter statt. Im Zweifelsfall kann man unter der Telefonnummer 041 980 31 06 nachfragen.

«Es hiess im Dorf: ‹So, wie du rumläufst und was du für Musik machst, wird nichts Rechtes aus dir werden.›»

Fredy Fellmann

Zahnarzt und Bandmitglied


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