Nun hat Flühli zwei «höchste Luzerner»

KANTONSRAT ⋅ SVP-Politikerin Vroni Thalmann-Bieri (48) dürfte morgen zur neuen Kantonsratspräsidentin gewählt werden. Damit muss das Entlebuch ein Jahr lang ohne die Stimme einer starken Interessenvertreterin auskommen.
19. Juni 2017, 00:00

Evelyne Fischer

evelyne.fischer@luzernerzeitung.ch

Sie schickt sich an, Klischees im Laufschritt zu widerlegen: Vroni Thalmann-Bieri (48) ist keine SVP-Politikerin, wie man sie sich gemeinhin vorstellen würde. Die Bäuerin, dreifache Mutter und Sozialvorsteherin von Flühli, fährt meist mit ÖV an die Kantonsratssession («man kann so gut arbeiten im Zug») und wird schon mal an den Kindergeburtstag einer Flüchtlingsfamilie eingeladen, für die sie zuvor gebrauchte Kleider und einen Occasionskinderwagen organisiert hat. Statt einer Tracht hängen bei ihr ein LineDance-Westernhemd und ein Sennenchutteli im Schrank, anstelle von Kochkursen erteilt sie Privat-Computerlektionen.

Aller Voraussicht nach holt Vroni Thalmann nach Ruedi Lustenberger (CVP, 1999), Walter Unternährer (CVP, 1982), Manfred Aregger (FDP, 1977) und Josef Duss (CVP, 1964) das Kantonsratspräsidium morgen zum fünften Mal ins Entlebuch. Ungewiss ist nur, mit wie vielen Stimmen. Als sie im letzten Jahr zur Vizepräsidentin gewählt wurde, waren es gerade Mal 75. 32 der 118 gültigen Stimmzettel blieben leer. «Ein Bombenresultat habe ich nie erwartet. Wer für die SVP politisiert, weiss, dass man die Akzeptanz nicht umsonst erhält.» Dass sie manchmal polarisiere, sei sie sich bewusst. «Aber ich kann unterscheiden, ob jemand ein persönliches oder ein politisches Problem mit mir hat.» Sie sei «auf eine erfrischende Art direkt, sehr interessiert und offen anderen Meinungen gegenüber», sagt Christina Reusser (Grüne, Ebikon), die Thalmann aus der Kommissionsarbeit der Stabsgruppe Geschäftsleitung kennt.

200 Termine warten auf sie

Flühli, Bunihus, 950 Meter über Meer. Vroni Thalmann lädt ein, am Küchentisch Platz zu nehmen. Auf der Ablage brennen Rechaud-Kerzen im Gedenken an Schwiegervater Anton, daneben surrt die Kaffeemaschine. Thalmann holt das Milchkännli aus dem Kühlschrank, sorgt fürs Creme im Café. Wenn nun bis zu 200 Termine auf sie warten, muss der von Panzersperren gesäumte 14-Hektaren-Betrieb mit 14 Kühen und 10 Stück Jungvieh ohne sie auskommen. Bislang war sie vor allem morgens im Stall, am Wochenende auch abends. Als Ersatz hilft nun Martin (23), der Älteste, KV-Absolvent mit Berufsmatura, für ein Jahr auf dem Hof mit. Die Familie hält Vroni Thalmann den Rücken frei. Haus und Telefon teilt sie mit Schwiegermutter Rosa («Dann nimmt wenigstens jemand die Anrufe entgegen»), die auch kocht, wenn die Kantonsrätin ausser Haus ist. Mann Hans ist es, der sie bei politischen Mandaten stets unterstützte. «Entscheide für Kandidaturen fällen wir immer gemeinsam», sagt Thalmann. Auf Hans wird sie auch zählen können, wenn sie 2019 erneut für den Nationalrat kandidieren dürfte. 2015 verpasste sie den Einzug um 700 Stimmen. «Dieses Resultat verpflichtet, es nochmals zu versuchen.»

Unweit vom heutigen Zuhause ist sie aufgewachsen. Im Schaftelenmoos, als zehntes und jüngstes Kind einer Bauernfamilie. Der Hof ihrer Eltern ist eine Arbeitskolonie der damaligen Strafanstalt Murimoos. «Wir hatten Insassen als Knechte. Ich lernte früh, mit Minderheiten umzugehen», sagt Vroni Thalmann. Nach der Kantonsschule absolvierte sie eine Lehre bei der Raiffeisenbank, war eine der Ersten, die im Entlebuch auf E-Banking setzte. Ihr damaliger Chef: der heutige Kantons- und Gemeinderatskollege Hans Lipp. Die Zusammenarbeit mit ihr sei «angenehm, unkompliziert», sagt Lipp. Sie verfüge über eine grosse Erfahrung als Sozialvorsteherin, sei präsent, engagiert. «Manchmal aber auch zu hilfsbereit und zu fürsorglich.»

«Interessenvertreterin durch und durch»

2004 erobert Thalmann in Flühli den ersten SVP-Gemeinderatssitz im ganzen Entlebuch. 2007 schafft sie den Sprung in den Kantonsrat. Der Zünder ihrer politischen Laufbahn legt sie rück­blickend auf 1992, bei der Abstimmung zum Europäischen Wirtschaftsraum. «Hier drohte der Zerfall der Eidgenossenschaft.» In ihrer Kindheit – der Vater gehörte der CVP an, die Mutter der FDP – wurde nie viel politisiert. Anders sei es heute am Familientisch. Sie habe ihren Kindern ihre Meinung aber nie aufgezwängt, sie auch nicht bewusst konservativ erzogen, sagt Thalmann. Aber sie möge es, «wemmer chli normau tuet».

So leichtfüssig sie gewisse Vorurteile aus der Welt räumt, so konsequent steht sie andernorts für ihre Herkunft ein. Ausflüge führen selten übers Entlebuch hinaus. Am weitesten reiste sie bis nach Österreich – während ihrer Flitterwochen. Auch für die Wahl von Mandaten setzt Thalmann eine regionale Brille auf: So ist sie etwa Verwaltungsrätin bei der Entlebucher Spezialitäten-Käserei AG und Stiftungsrätin beim Landwirtschaftlichen Altersheim Hermolingen. Kantonsratskollegin Michele Graber (GLP, Udligenswil) sagt: «Sie ist eine Politikerin mit Bodenhaftung. Weitsichtig und bereit, gemeinsam eine gute Lösung zu finden. In den Bereichen Landwirtschaft und regionaler Gemeindepolitik ist sie aber durch und durch eine Interessenvertreterin.»

Ihren Wurzeln will sie im Präsidialjahr Rechnung tragen. Wie im Werbevideo für die Wahlfeier angekündigt, soll nicht zuletzt der zweite «höchste Luzerner» von Flühli ebenfalls bald in aller Munde sein: das Brienzer Rothorn, mit 2350 Metern über Meer der höchste Punkt des Kantons. «Anders als meine Vorgänger will ich das Jahr nutzen, um meine Gemeinde zu vermarkten.» Flühli als Tourismusgemeinde lasse sich sehen. «Wir haben nichts vergoldet, aber immer die nötigen Investitionen getätigt.»

Ihrem Vorgänger Andreas Hofer (Grüne) gleich ist es nun an Thalmann, bei repräsentativen Anlässen das Grusswort des Kantons zu überbringen. Im Rat hat sie bei einer Pattsituation ein Jahr lang den Stichentscheid. Einem ungeschriebenen Gesetz verpflichtet, dürfte sie sich politisch ansonsten zurückhalten. Und schweigen. Ausgerechnet sie, die lieber Klartext spricht als Blabla schwurbelt. Ausgerechnet jetzt, in Zeiten des Sparens, wo Randregionen einer starken Stimme bedürften. «Damit werde ich mich arrangieren müssen», sagt Thalmann. «Ich setze mich dort ein, wo ich gebraucht werde. Und nun ist Wertschätzung gefragt.»

Hinweis

Wahlfeier: Morgen Dienstag, ab 18Uhr, Dorfplatz Flühli. Weitere Details unter: www.fluehli-info.ch

«Ich setze mich dort ein, wo ich gebraucht werde.»

Vroni Thalmann

SVP-Kantonsrätin, Flühli


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