Private Spitex ist auf dem Vormarsch

KANTON ⋅ Immer mehr ambulante Pflege- und Betreuungseinsätze werden von privaten Anbietern abgedeckt. Ein Grund dafür sind die wachsenden Ansprüche der Klienten. Sie übersteigen die vertraglich geregelten Leistungen der gemeinnützigen Spitex.
12. Oktober 2017, 00:00

Evelyne Fischer

evelyne.fischer@luzernerzeitung.ch

Ein langes Leben – und dies am liebsten bis zuletzt in den eigenen vier Wänden: Diesen Wunsch hegen viele. Massgeblich zu dessen Erfüllung tragen die Spitex-Organisationen bei. Fast eine Million Leistungsstunden haben die ambulanten Dienste und selbstständigen Pflegefachpersonen 2016 geleistet – rund 10 Prozent mehr als noch im Vorjahr, teilte Lustat Statistik Luzern kürzlich mit (Ausgabe vom 27. September).

Kein Wunder, steigt Jahr für Jahr die Zahl der Spitex-Organisationen – insbesondere der privaten: Seit Beginn der Lustat Statistik im Jahr 2010 hat sich die Zahl fast vervierfacht – von 6 auf 22 (siehe Grafik). Der Marktanteil – gemessen an den geleisteten Stunden – wuchs in dieser Zeit von knapp 17 auf über 21 Prozent. «Private Organisationen sind mittlerweile systemrelevant. Ohne sie würde die Versorgung der Bevölkerung mit ambulanter Pflege kaum zu bewältigen sein», sagt Marcel Durst, Geschäftsführer der «Association Spitex privée Suisse» (ASPS), dem Verband der privaten Spitex. «Die Zahl der privaten Organisationen wird weiter zunehmen. Zum einen forciert der Staat die Stossrichtung ‹ambulant vor stationär›, zum anderen wollen die Leute möglichst spät in ein Heim eintreten.»

Spitex-Kantonalverband: «Gewisse Grösse ist nötig»

Während die privaten Anbieter zulegen, geht es bei den öffentlichen Spitex-Organisationen in die andere Richtung: «Aufgrund von beabsichtigten Fusionen dürfte die Zahl der gemeinnützigen Organisationen weiter abnehmen, der jeweilige Mitarbeiterstab aber wachsen», sagt Peter Schärli, Präsident des Spitex-Kantonalverbands Luzern. Für komplexe Einsätze bei kranken Kindern oder Krebspatienten brauche es Fachkräfte. «Um solche Teams anzubieten, braucht eine Spitex eine gewisse Grösse.»

Der Marktanteil der gemeinnützigen Organisationen ist markant gesunken: von 82 Prozent im Jahr 2010 auf 58 Prozent im 2016. Während die Stunden in der Pflege zunehmen, sind die Einsätze in der Hauswirtschaft und Sozialbetreuung rückläufig. «Hier zeigt sich, dass Gemeinden am Sparen sind», sagt Schärli. Denn das Gesetz verpflichtet die Gemeinden zwar, zusammen mit den Krankenkassen für die Pflegekosten aufzukommen – ein Klient zahlt daran höchstens 15.95 Franken pro Tag. Für die Bereiche Hauswirtschaft und Betreuung hingegen müssen die Gemeinden bloss ein Angebot bereitstellen. «Eine Beteiligung an den Kosten aber können sie ablehnen.» Statt für hauswirtschaftliche Leistungen den Spitex-Stundenansatz von rund 40 Franken zu zahlen, schwenken gewisse Klienten daher auf günstigere Putzinstitute um oder verzichten ganz auf Unterstützung. Schärli: «Diese kurzfristige Denkweise macht uns Sorgen. Die Hausbesuche unserer geschulten Angestellten haben einen wichtigen präventiven Charakter. Ein Heimeintritt lässt sich so oft hinauszögern.»

Laut Durst vom ASPS legen die privaten Organisationen auch deshalb zu, weil «sie nicht nur den ausgewiesenen Bedarf, sondern auch die Bedürfnisse abdecken.» Dies betreffe etwa Hilfe beim Kochen, Einkaufen oder das Begleiten bei Spaziergängen. Den gemeinnützigen Organisationen seien hierbei die Hände gebunden, sagt Schärli vom Kantonalverband: «Die Gemeinden steuern durch Leistungsvereinbarungen unsere Dienstleistungen, die wir erbringen müssen. Das kann dazu führen, dass wir gewisse Einsätze verweigern müssen, was nicht zuletzt auf Kosten unserer Klienten geht.»

Dass die Ansprüche der älteren Generation stetig steigen, bestätigt Pascale Ceresola, Geschäftsführerin der Gepflegt Spitex Luzern: «Klienten wissen, dass sie aus vielen Anbietern auswählen können. Entsprechend schlagen sie knappe Zeitfenster für Besuche vor, pochen auf Pünktlichkeit und wünschen, möglichst immer von der gleichen Pflegerin besucht zu werden. Dies erfordert einen Spagat in Sachen Planung.» Für hauswirtschaftliche Leistungen verrechnet Ceresola 45 Franken die Stunde.

Die Gepflegt Spitex Luzern gehört zu den Organisationen, die kräftig wachsen konnten: «Bei Betriebsstart Ende 2013 beschäftigte ich zwei Angestellte, mittlerweile sind es 14», sagt Ceresola. Ihr Einsatzgebiet umfasst hauptsächlich die Stadt Luzern und Agglogemeinden wie Emmen, Horw, Kriens und Meggen. Dass immer mehr Mitbewerber mitmischen, spürt sie nicht. «Die Anzahl Anfragen bleibt gleich.»

Dies beobachtet auch Marcel Durst vom Verband der privaten Spitex-Organisationen: «Weil der Markt aufgrund der demografischen Entwicklung kontinuierlich wächst, kommt es kaum zu einem Verdrängungskampf.» Im Gegenteil, sagt Ceresola. «Vielerorts arbeiten private und gemeinnützige Anbieter Hand in Hand.» Ihre Spitex biete beispielsweise keinen Nachtdienst an. «Daher greifen wir für diese Dienstleistung auf das Angebot der öffentlichen Spitex zurück.» Sie sehe die öffentliche Spitex daher «nicht als Konkurrenz, sondern als Bereicherung». Wer korrekt arbeite und sich etabliert habe, werde als gleichwertiger Player akzeptiert. «Darum ist die Kontrolle enorm wichtig.»

Kampf um die rentablen Einsätze

Dem pflichtet Schärli vom Spitex-Kantonalverband bei. «Werden die Standards eingehalten, sollen die Geschäftsmodelle nicht gegeneinander ausgespielt werden.» Dennoch sei eine gewisse Konkurrenz nicht von der Hand zu weisen: Private Organisationen hätten keine Versorgungspflicht und würden unrentable Einsätze ablehnen. «Sie können sich auf die lukrativen Klienten konzentrieren – sprich lange Einsätze mit kurzen Wegzeiten. Der gemeinnützigen Spitex bleiben die unrentablen, komplexen Fälle.» Zahlen untermauern Schärlis Aussage: Im Schnitt pflegt eine gemeinnützige Spitex einen Klienten während 59 Stunden pro Jahr. Beim privaten Anbieter sind es über 168 Stunden. «Weil uns die rentablen Klienten zur Querfinanzierung fehlen, sind die Pflegevollkosten höher. Die öffentliche Spitex muss sich den Vorwurf gefallen lassen, sie sei viel zu teuer. Das ärgert mich.»

Das Problem der Kurzeinsätze erwähnt auch Marcel Durst. Er ist der Auffassung, dass die hohen Kosten, bedingt durch nicht verrechenbare Wegzeiten, durch den Staat zu finanzieren sind. «Aber nicht pauschal nach dem Giesskannenprinzip, sondern gemäss dem effektiven Mehraufwand.» Schärli sieht die Herausforderungen der Zukunft anderswo: «Bevor demente Menschen gepflegt werden müssen, sind sie oft sehr lange auf Betreuung angewiesen. Das muss künftig von der öffentlichen Hand abgegolten werden.»

Spitex-Kantonalverband Luzern


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