U20

Schulung der Toleranz

04. Dezember 2017, 00:00

Wie fast jeden Samstagmorgen begebe ich mich noch tiefenentspannt, freundlich gestimmt und offen für einen neuen Arbeitstag ins Nachbardorf. Um 8 Uhr öffnen wir die Türen unseres Supermarkts, ich nehme den Platz hinter der Kasse ein und bediene die ersten Kunden.

Unverhofft treffen meine Augen auf ein kugelrundes, nicht höher als einen Meter, ganz in Pink gekleidetes Etwas, das mit unsicheren kurzen Schrittchen in Richtung Kasse läuft. Dicht gefolgt von seinen Eltern mit einem überfüllten Einkaufswagen. Ich beginne die Einkäufe einzuscannen, mein inneres Auge weitet sich vor Entsetzen: Berge von Süssigkeiten, Fertigpizzas, Süssgetränke und natürlich ein 24er-Pack Energy-Drinks.

Wenig später rennt ein kleines Kind an mir vorüber, es kommt den überfüllten Regalen erschreckend nahe. Bevor ich überhaupt reagieren kann, höre ich ein lautes Scheppern. Als ich später in den Gang spähe, sehe ich Spirituosenflaschen zerschlagen am Boden. Ohne nur eine Entschuldigung oder ein Danke für das Aufräumen legt der Vater seine Einkäufe auf das Band und belohnt sein Kind mit einem Kinderüberraschungsei.

Mit meinem Standardsatz «Das wär de 21.35 Fr. bitte» teile ich dem nächsten Kunden die Summe seines Einkaufs mit. Dieser kramt seelenruhig ein Tupperware hervor und kippt mir daraus in einer Selbstverständlichkeit lauter 10-, 20- und 50-Räppler auf die Theke. Geschockt schaue ich auf dieses Häufchen vor mir. Der Kunde sagt: «Zelle mönd si halt selber.» Ich beginne zu zählen. Nach gefühlten zehn Sekunden beginnt der Kunde nervös mit den Fingern auf die Theke zu trommeln. Ruhig bleiben? Ruhig bleiben!

Hinweis

In der Kolumne U20 äussern sich die Autoren zu von ihnen frei gewählten Themen. Ihre Meinung muss nicht mit derjenigen der Redaktion übereinstimmen.

Lydia Bühler, 20,

Kantonsschule Sursee

kanton@luzernerzeitung.ch


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