Gastbeitrag zum internationalen Flüchtlingstag

Unhaltbare Situation für unsere Wertegemeinschaft

20. Juni 2017, 00:00

Die UNO hat den 20. Juni alljährlich zum Weltflüchtlingstag erklärt. Damit will sie an die rund 65 Millionen Menschen erinnern, die aktuell auf der Flucht sind. Gemäss Unicef sind darunter auch 28 Millionen Kinder. Man flüchtet in der Regel nicht ohne Not. Es müssen dramatische Ereignisse vorliegen, wenn jemand seine vertraute Heimat verlassen muss, meist nur mit den notdürftigsten Habseligkeiten ausgerüstet. Häufig bleiben Flüchtlinge dann auch in den angrenzenden Ländern, wo sich andere Notleidende um sie kümmern. Echte Solidarität findet also zuerst oft unter den Armen statt.

Die Flüchtlingskrise der vergangenen Jahre ist nicht über Nacht entstanden, sie hat sich während Jahren entwickelt, weil die internationale Politik nicht zeitgerecht gehandelt hat. Man will den Tatsachen nicht ins Auge sehen. Der syrische Bürgerkrieg hat im letzten Jahr allein 2,4 Millionen Kinder in die Flucht getrieben. Offen bleibt die Frage, wie sich diese vergessene Generation später in unsere Weltgemeinschaft eingliedern kann.

Während mich die Flüchtlingskrise nach wie vor persönlich betroffen macht, beschäftigen mich die Auswirkungen auch von Amtes wegen. Deshalb will ich am heutigen Tag mit Nachdruck auf eine besonders verletzliche Menschengruppe hinweisen. Es handelt sich dabei um die minderjährigen unbegleiteten Asylsuchenden (MNA: Mineurs Non Accompagnés). Die Zahl dieser Flüchtlingsgruppe ist in den letzten drei Jahren sprunghaft angestiegen. Im gesamten EU-Raum wurden 2015 über 88 000 MNA registriert, davon leben 148 im Kanton Luzern. Die vier wichtigsten Herkunftsländer sind Eritrea, Afghani­stan, Somalia und Äthiopien. Aus meiner Sicht ist dies, Bezug nehmend auf eine mögliche Integration, eine nicht zu unterschätzende Aufgabe.

Neben 18 professionellen Betreuern, die aus verschiedenen Fachgebieten stammen, leisten im Kanton Luzern auch 25 freiwillige Helfer, die eine Einsatzvereinbarung für Freiwilligenarbeit unterzeichnet haben, einen wichtigen Beitrag zur Integration. Sie geben diesen jungen Menschen eine Perspektive. Bei dieser Gelegenheit möchte ich allen Betreuern, Pflegefamilien, Freiwilligen und diversen Vereinen aus Kriens und Umgebung meinen speziellen Dank und meine Wertschätzung für ihren Einsatz aussprechen.

Besonders beschäftigen sollten uns aber auch die spurlos verschwundenen Flüchtlingskinder. Die eu­ropäische Polizeibehörde hat 2016 von mindestens 10000 MNA berichtet, die nach ihrer Ankunft in Europa verschwunden sind. In den letzten 15 Monaten sollen auch in der Schweiz 752 Flüchtlingskinder aus den Asylunterkünften abgereist oder verschwunden sein. Vereinzelt ist dies auch in unserem Kanton geschehen.

Europol hat schon mehrfach darauf hingewiesen, dass ein Teil der gesuchten Kinder Opfer der organisierten Kriminalität wurden. Das bedeutet, dass diese Kinder versklavt, sexuell ausgebeutet oder als Drogen­kuriere eingesetzt werden. Man kann davon ausgehen, dass die Schlepperindustrie diese besonders verletzliche und gefährdete Flüchtlingsgruppe lukrativ in ihr Geschäftsmodell integriert hat. Für unsere westliche Wertegemeinschaft ist dies eine unhaltbare Situation, nicht nur am heutigen Weltflüchtlingstag! Alle wissen davon – auch unser Bundesrat –, aber niemand handelt! Warum? Fehlt uns der Mut, die Dinge beim Namen zu nennen? Gemeinsam ist das Problem zu lösen. So könnte eine koordinierte Strategie aller Länder in Europa wesentlich zu einer Verbesserung der Situation beitragen.

Guido Graf

Regierungsrat (59, CVP), Vorsteher Gesundheits- und Sozialdepartement des Kantons Luzern


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