17-jähriger Schweizer Schauspieler steht vor Durchbruch

PORTRÄT ⋅ Das Jugenddrama «Keeper» ist der aktuelle Film des welschen Nachwuchsschauspielers Kacey Mottet Klein. Ein Dokumentarfilm gibt Einblick in seine Arbeit.

26. Februar 2016, 00:00

«Eine grosse Spinne mit langen Beinen.» «Ein riesiges Auge, das dich die ganze Zeit anstarrt.» So hat Kacey Mottet Klein die Filmkamera beim Casting zu «Home» gesehen. Der Schauspieler, 1998 als zweitältestes von vier Kindern einer französisch-schweizerischen Mutter und eines amerikanischen Vaters in Lausanne geboren, war damals acht Jahre alt.

Wie sehr sich seine Haltung zur Kamera im Laufe der Jahre verändert hat, erzählt er im Dokumentarfilm «Kacey Mottet Klein, naissance d’un acteur». Darin erklärt er sich. Gestern startete der neue Film des Schweizer Schauspielnachwuchstalents «Keeper» (siehe Box) in unseren Kinos. Das Stattkino Luzern nutzt die Gelegenheit, das 14-minütige filmische Porträt vor dem Hauptfilm zu zeigen.

Wie ein Instrument

Nicht nur die Person vor der Kamera, auch die dahinter ist eine sehr interessante Erscheinung in der Schweizer Kinolandschaft. Ursula Meier zeichnet zusammen mit Drehbuchautor Antoine Jaccoud für die «Short Lesson In Cinema» verantwortlich. Die Ausnahmeregis­seurin hat Kacey Mottet Klein entdeckt und zweimal mit ihm gearbeitet: für den oben erwähnten «Home» und für «L’enfant d’en haut».

«Ich erkläre darin die Arbeit eines Schauspielers», sagte er im Rahmen der Berlinale, an die er als Schweizer Shootingstar eingeladen war. Mit «Quand on a 17 ans» von André Téchiné war aber auch der Film im Wettbewerb um den Goldenen Bären vertreten, in dem Kacey Mottet Klein nach «Keeper» seine ­sechste Rolle in einem grossen Spielfilm verkörpert (der Film startet am 30. März in der Romandie). Und so erklärt Mottet Klein seine Mitarbeit an einem Film: als etwas sehr Körperliches. Sein Körper sei wie ein Musikinstrument, sagt er.

Adoleszenzdrama von Guillaume Senez. (youtube.com, 25.02.2016)

Wie ein Musikinstrument spielt auch eine Rolle nicht jeder gleich. Man macht sich ein Instrument zu eigen, eine ­Rolle zu eigen. Für den jungen Schauspieler bedeutet das, total im Körper des Filmcharakters zu sein: im Körper des zehnjährigen Julien, jüngstes Mitglied dieser seltsamen Familie, die ihr Heim neben einer Autobahn um keinen Preis aufgeben will. Für sein Debüt in «Home» neben Isabelle Huppert wurde Kacey Mottet Klein mit dem Schweizer Filmpreis Quartz ausgezeichnet. Das Unsichtbare sichtbar machen, sei der Job eines Interpreten. Was geht im Kopf der Figur vor, was in ihrem Herzen?

Charmantes Schlitzohr

«Er hat noch immer diese tollen, supererotischen abstehenden Ohren», meinte ein Berlinale-Moderator. Sie mögen ein nicht unwichtiges Detail gewesen sein, als man Mottet Klein zwei Jahre nach «Home» für die Rolle des jungen Serge Gainsbourg engagierte. Er gibt das frühreife, charmante Schlitzohr, das den späteren Frauenhelden und Kettenraucher vorwegnimmt, sehr überzeugend. Aber auch den liebenden Sohn, wenn er seine braunen Augen, die im nächsten Moment so viel Schalk versprühen, weit aufreisst und ­treuherzig in die Kamera blickt.

Mit «Gainsbourg, vie héroique» (2010) wurde er einem grossen französischen Publikum bekannt. So folgten Angebote für die Rolle des gewalttätigen Sohnes in «Une mere» (2015) von Christine Carriere und eben «Quand on a 17 ans», ein Film über zwei rivalisierende Jugendliche auf der Suche nach ihrer (sexuellen) Identität.

Einen Meilenstein legte Ursula Meier 2012 mit «L’enfant d’en haut»: Das Meisterwerk wurde an der Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. Für die Rolle des kleinen Skidiebs erhielt Mottet Klein einen weiteren Quartz und eine Nominationen für den französischen Filmpreis César.

Sprung in den luftleeren Raum

Mit jemandem zu spielen, sei wie ein zusätzliches Bein. Ein zusätzliches Körperteil, das Mottet Klein lebendig machen kann. «Magisch» nennt er das, wenn an der Seite von Léa Seydoux die Gefühle, die zwischen Liebe und Hass, Zärtlichkeit und Verzweiflung oszillieren, echt sind und so auf der Leinwand sichtbar werden. «Alles passiert zwischen ‹Action› und ‹Cut›», so Mottet Klein. «Es herrscht Ruhe, ich nehme einen tiefen Atemzug und springe in ein schwarzes Loch.»

Heute sieht er die Kamera längst nicht mehr als etwas Monströses, das ihn beobachtet. Er vergisst sie komplett. Die Entwicklung vom Kind, das die ganze Drehsituation noch als etwas Spielerisches ansah, zum professionellen Jungschauspieler ist vollzogen. Der Auftritt an der Berlinale wird seiner Karriere nochmals einen gehörigen Kick geben. Wo sieht er seine Zukunft? «Ich werde nach Paris ziehen müssen. In der Schweiz gibt es zu wenig Arbeit.»

Regina Grüter

Hinweis

«Keeper» läuft im Kino Engelberg, im Stattkino Luzern plus Vorfilm «Kacey Mottet Klein, naissance d’un acteur» von Ursula Meier.

 

Eine Teenagerliebe

«Keeper» reg. Mélanie (Galatea Bellugi) und Maxime (Kacey Mottet Klein) lieben sich und machen gemeinsam erste sexuelle Erfahrungen. Als Mélanie schwanger wird, reagieren die Eltern sehr unterschiedlich auf den Wunsch des jungen Paares, das Kind behalten zu wollen. Während Max, der eine Karriere als Fussballgoalie anstrebt, auf deren Unterstützung zählen kann, besteht die alleinerziehende Mutter von Mélanie auf einer Abtreibung. Der Debütfilm von Guillaume Senez steigert sich zum glaubwürdigen Teenagerdrama mit reifen Hauptdarstellern und gibt einen differenzierten Einblick in die Gefühlswelt von Jugendlichen.

Bewertung: 4 von 5 Sternen

Adoleszenzdrama von Guillaume Senez. (youtube.com, 25.02.2016)




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