Bauliche Schmuckstücke aus alter Zeit

ARCHITEKTUR ⋅ Das Museum Nidwalden sucht nach Über­bleibseln aus der Architektur der 50er-Jahre. Eindrückliche Beispiele befinden sich auf dem Bürgenstock.

12. September 2016, 00:00

Julia Stephan

Wer derzeit im Salzmagazin des Nidwaldner Museums die Treppenstufen hochsteigt, wird an den Wänden mit verspieltem Dekor konfrontiert. Die Seepferdchen und Meerjungfrauen aus Draht und Blech des Luzerner Künstlers Robert Wyss (1925–2004) zierten einst den Plafond der Unterwasserbar des Bürgenstock-Resorts. In den 1950er-Jahren frönte dort eine exklusive Gesellschaft dem American Way of Live. Dessen Geist hatte Hotelier Fritz Frey (1916–1997) nach einer Amerikareise mit Neuerungen wie einem Nierenpool und einer Shoppingmeile auf den Bürgenstock gebracht.

Die «Luftschlösser» des Bürgenstocks

Dass diese Wasserwesen später einen Kindergarten verschönert haben sollen, erzählt viel über die Launenhaftigkeit von Geschmack. Mit der Ausstellung «Der Traum von Amerika – 50er-Jahre-Bauten in den Alpen» geht es dem Museum Nidwalden aber weniger um Geschmacksfragen als darum, den Fokus auf die vergessenen, unter Denkmalschutz stehenden kleinen Pavillonbauten aus den 1950er-Jahren zu richten, bevor die Wiedereröffnung des Bürgenstock-Resorts im kommenden Sommer den kleinen Bijoux aus Naturstein die Show stehlen wird.

Es war Fritz Frey, der in den 1950ern mit kleinen Verkaufspavillons oder der erwähnten Poolanlage Eingriffe in der ursprünglich vom Hotelier Franz Joseph Bucher-Durrer erbauten Hotelanlage vornahm. Kurator Marcel Just hat alte Pläne zusammengetragen, welche die Bauphase dieser Pavillons dokumentieren. An einem Architekturmodell der Bürgenstockanlage aus den 1960ern kann der Ausstellungsbesucher neben diesen Objekten – der ehemalige Bucherer-Pavillon musste bei den Umbauarbeiten 2014 vom Originalstandort verschoben werden – auch nicht realisierte «Luftschlösser» lokalisieren. Neben dem historischen Material hat der Fotograf Christian Hartmann für die Ausstellung alle Bauten so fotografiert, wie sie ihm im Frühjahr 2016 vor die Linse gerieten: als Baustelle.

Die Achse Ambri–Bürgenstock

Just beliess es nicht bei den Beispielen auf dem Bürgenstock. Er stellt die Bauten Objekten gegenüber, die bei der Durchfahrt durch das Tessiner Strassendorf Ambri noch heute ins Auge stechen. Die von den Tessiner Gebrüdern Guscetti entworfenen Gebäude wirken im Dorfbild aufgrund ihrer Formensprache auch heute noch genauso exotisch wie die Pavillonbauten zu den ehemaligen Hotelklötzen aus der Belle Epoque. Dass ausgerechnet eine der Guscetti-Villen später als typisches Tessiner Haus Teil eines Modelleisenbahnbausatzes wurde, wirkt rückblickend einigermassen absurd.

Naturstein und Quader

Tatsächlich lassen sich in der Gegenüberstellung der Tessiner Guscetti-Bauten mit der Hotelanlage auf dem Bürgenstock formale Bezüge zwischen den Gebäuden erkennen – hüben wie drüben des Gotthards findet man denselben Einsatz von Naturstein und Quadern.

Vermissen lässt die Ausstellung einzig die Bezüge, die sie im Ausstellungstitel suggeriert. Welche Eindrücke hatte Fritz Frey von seiner Amerikareise mitgebracht? Wie sehr waren die noch lebenden Gebrüder Guscetti von Amerikanern wie der Architekturikone Frank Lloyd Wright (1867–1959) und dessen organischer Architekturbauweise inspiriert, als sie ihre Villen harmonisch in die Landschaft von Ambri einpassten? Neben ­O-Tönen der Brüder selbst hätte ein amerikanisches Architekturobjekt genügt, um diese Bezüge bei der Verwendung der Materialien und in der Formensprache deutlich zu machen.

Hinweis

«Der Traum von Amerika – 50er-Jahre-Bauten in den Alpen». Nidwaldner Museum, Salzmagazin, Stans. Bis 30. 11.

Am 1. 10. findet eine Führung auf dem Bürgenstock statt. Infos: www.nidwaldner-museum.ch


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