Blomstedts Gewandhausorchester schnurrt und wühlt auf

LUCERNE FESTIVAL ⋅ Er wird nicht müde: Dirigent Herbert Blomstedt (89) lief im KKL mit Bruckner und dem Pianisten András Schiff zur Hochform auf.

08. September 2016, 00:00

Wenn es laut wird, wenn sich die Blechstimmen wie tektonische Platten verschieben und die Pauke nicht aufhören will zu brodeln, dann freut sich einer wie ein kleines Kind: Herbert Blomstedt. Der 89-jährige schwedische Dirigent war Anfang Woche am Lu­cerne Festival mit dem Gewandhausorchester Leipzig zu Gast – jenem Orchester, dessen Chef er von 1998 bis 2005 war und dem er heute als Ehrendirigent verbunden ist. Insbesondere in Bruckners Sinfonie Nr. 5 in B-Dur schöpfte er mit «seinem» Orchester aus dem Vollen.

Verwirrung und Intonationsmängel

Dabei hatte der Montagabend im KKL Luzern nicht eben glücklich begonnen. Für Verwirrung sorgte Bachs E-Dur-Violinkonzert, das von der norwegischen Geigerin Vilde Frang (30) und einer Kleinformation des Gewandhauses gespielt wurde. Sei es, dass Barockmusik nicht zu Frangs Kernrepertoire gehört, oder aber, dass es mit dem Orchester nur wenig Zeit zum Proben gab – im Verlauf des Violinkonzerts summierten sich kleine Intonationsprobleme und Unsauberkeiten im Zusammenspiel. Die Interaktion zwischen Orchester und Solistin blieb nahe dem Gefrierpunkt.

Gut dosiertes Pathos

Umso deutlicher war der Puls des Orchesters in den Bruckner-Takten zu spüren: Die Streicher-Pizzicati erklangen warm und federnd; punktuell schlugen sie heftig aus und gaben damit eine Vorahnung auf das kommende Drama. Dieses wurde von Blomstedt mit dickem Pinsel ausgeführt. Dabei verstand er es, aus dem sich anbahnenden Pathos die Luft rauszunehmen und den Klang mit Leben zu erfüllen: das Streichertremolo – ein Sommergewitter, die Soloflöte nach dem Blechsatz – ein entflohener Fisch, das Klarinettenmotiv zu Beginn des Finales – ein Weckruf ans Orchester.

Auf weihevoll-dahinfliessende Momente a la Celibidache brauchte man nicht zu warten. Tendenziell winkte Blomstedt das Orchester lieber durch, statt die innere Spannung über Dutzende Takte aufrechtzuerhalten. Der grosse Bogen ergab sich durch theatralische Gesten, wenn etwa die Streicher nach dem Weckruf der Klarinette golden aufschimmerten, die Bässe brüsk aufwachten und schliesslich die Pauke und das Blech das Motiv stemmten. Das hohe Niveau des Orchesters zeigte sich auch in der Coda, als der Orchesterklang grösser und grösser wurde, ohne an Transparenz einzubüssen.

Das Gewandhaus kann auch in Begleitung von Solisten zu Hochform auflaufen. Dies bewies es beim Konzert am Dienstag mit dem ungarischen Meisterpianisten András Schiff (62). Er erwies sich in Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 als glänzender Solist und Orchesterfreund. Im eröffnenden Allegro herrschte aufwühlender, markiger Ton, wobei sich Klavier und Trompeten mit Fanfaren auf Distanz hielten. Die Verschmelzung gelang im Adagio mit fein verwobenen Melodien und Trillern sowie mit tänzerischer Verve im Rondo. Die Kommunikationsbereitschaft ging zwar auf Kosten des Tempos. Aber der Charakter der Sätze kam gut zum Vorschein, etwa indem sich Schiff am Schluss des Rondos im 68-Takt mit der Pauke kurzschloss. Somit folgte der Solist seinem kämpferischen Impetus, ohne sich Momenten des Dialogs und der stillen Einkehr zu verschliessen. Kurzum: Man erlebte eine pianistische Sternstunde.

Eher weich federnd statt heroisch

Der Konzertsaal war am Dienstag bis in die letzten Reihen gefüllt. Geboten wurde: Beethoven, Beethoven und nochmals Beethoven. Ein «heroisches Konzert», wie im Programm angekündigt, vermochte man darin nicht zu erkennen. Dafür fielen die «Leonoren»-Ouvertüre Nr. 2 und die Sinfonie Nr. 7 zu üppig aus.

Man genoss den grossen Orchesterapparat, insbesondere den warmen und transparenten Streicherklang und einige launige Einfälle des Dirigenten, der das Publikum gegen Ende der Sinfonie mit rohen Paukenschlägen aufschreckte. Abgesehen von diesen «Schlaglöchern» und teils ungenauen Tuttischlägen schnurrte das Gewandhausorchester mit Blomstedt wie ein Cadillac weich federnd davon.

Simon Bordier


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