Budapest by Night

FOTOGRAFIE ⋅ Gabor Fekete hat zwei Jahre lang seine Heimatstadt Budapest fotografiert – nach Sonnenuntergang. Eine kleine Auswahl zeigt er jetzt in seiner zweiten Heimat Luzern, eine grössere in einem wunderbaren Bildband.

02. Dezember 2016, 00:00

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

«Wann weiss man, wann man aufhören soll?», fragt Gabor Fekete mit Blick auf seine 22 Fotoarbeiten an den Wänden des Luzerner Werkraums Werft Paloma. Die Frage des in Luzern lebenden Illustrators, Hochschuldozenten, Fotografen und Animationsfilmers zielt nicht nur ins allgemein Philosophische, sondern ganz konkret auf das Fotobuchprojekt über seine Heimatstadt Budapest. Nach zwei Jahren und dem 5000. Foto hat bei Fekete schliesslich der Bauch entschieden: «Jetzt ist genug.»

Nur 105 Arbeiten haben die Selektion für den liebevoll gestalteten, bei einem ungarischen Verlag veröffentlichten Fotoband «Budapest nach Einbruch der Dunkelheit» überstanden. Auf den nachtschwarzen Leineneinband des Kunstbuches ist vorne das Wort «Buda» und hinten das Wort «Pest» aufgeprägt. Die beiden Stadtteile jenseits und diesseits der Donau vereinigten sich einst zur Metropole Budapest. Feketes Buchprojekt fügt ebenfalls Teile zu einem Gesamtbild. Er hat getan, was vor ihm noch niemand so konsequent probiert hat. Er hat städtische Eindrücke aus dem nächtlichen Budapest gesammelt.

Flucht in die Schweiz

Im weitesten Sinn ist Fekete damit den Spuren des ungarischstämmigen Fotografen Brassai gefolgt. Dessen epochemachende Arbeit «Paris de Nuit» (1933) dokumentierte zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit technischer Finesse das Nachtleben der französischen Lichterstadt.

«Budapest ist nachts viel schöner als Paris», sagt Fekete. Als 17-Jähriger flüchtete er mit seinen Eltern in die Schweiz. Das war im Jahr 1971. Seine Liebe zu Budapest ist über die Jahrzehnte nicht gerostet. Die letzten zwei Jahre ist Fekete beinahe monatlich in die ehemalige, am Donauufer gelegene Budapester Wohnung seiner Eltern zurück­gekehrt, um die frühen Nachtstunden der Stadt zu dokumentieren.

Budapest mag berühmt sein für das Nachtleben der dort florierenden Kreativszene auf den vielen Terrassen- und Panorama­cafés und für seine prächtige und lückenlose Bausubstanz zu beiden Seiten des Donauufers. Und natürlich findet man auch bei Fekete zuweilen diese Tristesse von Hauseingängen, in denen der Lack der alten K.-u.-k.-Monarchie abblättert.

Tag oder Nacht? Sommer oder Winter?

Den architekturverliebten Retro-Look, um den sich etwa der deutsche Fotograf Christopher Thomas mit Aufnahmen von Metropolen wie Paris, Venedig, New York oder München bemüht, interessierte Fekete hingegen weniger. Es geht ihm nicht um die Verklärung dieser schäbig-schönen Kulisse, sondern darum, die Nacht zu dokumentieren, als sei sie ein Tagesgeschäft.

Von seinem Quartier aus wagte Fekete sich von der Stadtmitte in die Aussenbezirke, ohne das künstliche Stadtlicht ausschliesslich mit nostalgischer Schwarz-Weiss-Fotografie zu filtern. Am Anfang begleiteten ihn zwei Freunde auf seinen Nachtspaziergängen. Bis Fekete merkte: Die Nacht ist wie der Tag, die Ausweitung der Komfortzone nicht gleichbedeutend mit dem Betreten einer Gefahrenzone. Und das sieht man dem Ergebnis an. Die Schwarz-Weiss- und Farbfotografien des Bildbandes träumen, aber sie ruhen bisweilen auch in einer taghellen Nüchternheit.

Die Tages- und Jahreszeiten sind schwer identifizierbar. Ein verlassener Spielplatz wirkt unter der Strassenbeleuchtung wie ein Bühnenbild, die Passagiere in den Trams könnten auch in den Morgenstunden zur Arbeit pendeln. Und natürlich verbergen sich hinter diesen Momentaufnahmen auch Geschichten. Etwa die von einem Lokalbesitzer, der sich beim schicken Restaurant um die Ecke zwei Kohlköpfe leiht.

Der Nebel, die beschlagenen Scheiben, hinter denen Fekete fotografiert hat, und das matte Papier des vom Grafiker Peter Moser gestalteten Fotobuches unterstreichen Feketes Versuch, weder die dunklen Nicht-Orte noch die Hochglanzfassade der Metropole zu dokumentieren, sondern in einem Dazwischen zu verweilen.

Weder Anklage noch Verzückung

Auf den Bildern findet man weder Anklage noch Verzückung. Feketes Freund, der ungarische Bestsellerautor und Orbán-Regimegegner Mihaly Des bescheinigt den Budapestern in seinem grossartigen Begleitessay eine Stadtneurose. Wer als Tourist beim Anblick der Stadt in Lobeshymnen ausbreche, der bekomme sofort deren negative Seiten aufgezählt.

Wer die Stadt hingegen kritisiere, der müsse mit beleidigten Gesichtern rechnen. Gabor Fekete, so Des, habe sich im Exil von diesem neurotischen Verhältnis befreien können. Dieser Beobachtung mag man sich gerne anschliessen. Seine Bilder beschönigen nichts und malen nicht schwarz. Sie sind weder ein politisches Statement zur Orbán-Regierung, noch rücken sie irgendwelche gesellschaftlichen Randzonen in den Blick. In ihnen wohnt ein unvoreingenommenes Staunen, dem man sich als Betrachter gerne anschliesst.

Hinweis

Gabor Fekete, Budapest nach Einbruch der Dunkelheit.

Corvina Books. 215 Seiten, Fr. 69.–

Ausstellung im Werkraum Werft Paloma, Werftestrasse 2, Luzern, Sa 3. 12./So 4.12., 14 bis 17 Uhr.

Der in Luzern wohnhafte Fotograf Gabor Fekete zeigt in seinem neuen Fotoband seine Heimatstadt Budapest «by night».


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