Das jähe Ende eines Hoffnungsträgers

KINO ⋅ Christophe Cupelin porträtiert mit viel Sympathie den einstigen Präsidenten von Burkina Faso. Dieser weckte die Hoffnungen auf einen «afrikanischen Frühling».
18. Juni 2015, 00:00
Video: Capitaine Thomas Sankara – Trailer

Dokumentarfilm (CH 2014) von Christophe Cupelin. Als Thomas Sankara 1983 in Burkina Faso an die Macht kam, hatte sich das Schicksal des afrikanischen Landes für kurze Zeit zum Guten gewendet: Burkina Faso versorgte sich weitgehend selbst, die Alphabetisierungsrate stieg, Seuchen wurden bekämpft und die Frauen waren den Männern in vielem gleichgestellt. Doch dann, 1987, wurde der «Che Gueverra Schwarzafrikas» ermordet. Ab DO, 18. Juni 2015 im Kino. (youtube.com, 15.06.2015)

Peter Mosberger

Im November 2014 ging im westafrikanischen Burkina Faso ein Staatsstreich überraschend unblutig über die Bühne: Präsident Blaise Compaoré, der das Land 27 Jahre lang mit eiserner Hand regiert hatte, liess in der Hauptstadt Ouagadougou nicht, wie befürchtet, auf sein Volk schiessen, sondern trat zurück und ging ins Ausland.

Der Regierungswechsel führte auch nicht zu einem Volksaufstand. Als ein Grund für diese duldsame Gleichmut der Bevölkerung gegenüber ihrer Regierung, wie sie auch in anderen afrikanischen Ländern südlich der Sahara zu beobachten ist, wird oft die verbreitete Armut angegeben.

Die Tradition des Staatsstreichs

Diese Armut zu bekämpfen, war Com­paorés Vorgänger Thomas Sankara (1949–1987) angetreten, dessen Leben und Regierungszeit der Westschweizer Regisseur Christophe Cupelin jetzt für «Capitaine Thomas Sankara» mit Hilfe von Archivmaterial, Augenzeugen und historischen Analysen nachzuzeichnen versucht. Es war derselbe Blaise Compaoré gewesen, der seinem militärischen Weggefährten Hauptmann Sankara 1983 durch einen Umsturz den Weg zur Macht gebahnt hatte und der ihn dann 1987 vermutlich auch ermorden liess, um selber zu regieren.

Nach Compaorés Sturz hat die Nachfolgeregierung dieses Frühjahr angeordnet, die Leiche Sankaras zu exhumieren, damit dessen Angehörige zumindest einmal die Sicherheit haben, dass der ehemalige Präsident tatsächlich in dem Grab liegt, das seinen Namen trägt.

Ein Präsident der Armen

Als Thomas Sankara 1949 geboren wurde, hiess sein Land noch Obervolta. 1960 wird die französische Kolonie unabhängig. Sankara verfolgt eine mi­litärische Karriere, bis er 1983 durch einen Staatsstreich an die Macht kommt. Politisch beeindruckt vom kubanischen Modell, sind seine Amtsjahre von einem energischen Gestaltungswillen geprägt. Rhetorisch gewandt und furchtlos ge­genüber anderen Mächten (Frankreich, Libyen) auftretend, erlangt er mit seinen sozialistischen Zielen den Ruf eines Präsidenten der «Armen und Unterprivilegierten»: Bekämpfung des Analphabetismus, Gründung eines Bauernverbandes, Gleichstellung von Mann und Frau, Kampf gegen Korruption und auf internationaler Ebene die Forderung nach einem Schuldenerlass das sind nur einige Beispiele für seine rastlose Tätigkeit. In Burkina Faso («Land der Integren»), wie Obervolta seit 1984 heisst, scheint eine neue Zeit der Prosperität angebrochen zu sein, die mit dem Staatsstreich von 1987 aber abrupt endet.

Anteilnahme des Regisseurs

Der 1966 geborene Regisseur Christophe Cupelin hat Burkina Faso zum ersten Mal 1985 besucht, mitten in der revolutionären Umbruchphase des Landes: «Die burkinische Revolution war für mich als 19-Jähriger ein Schock, gleichzeitig aber auch eine Offenbarung. Für alle Menschen meiner Generation ob Afrikaner oder nicht –, die Thomas Sankara gekannt haben, repräsentierte er nicht nur die Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft in Burkina Faso, sondern auch auf eine bessere Welt für alle. Dieser innovative Präsident, der mit Humor und Elan ernsthafte Probleme ansprach, hat in meinem Gedächtnis unauslöschliche Spuren hinterlassen.» Dieses Bild eines charismatischen Präsidenten mit vielen Ideen zeichnet der Film ausgiebig nach. Dabei stützt sich die Darstellung zu einem grossen Teil auf Fernsehaufzeichnungen, die 2007 wieder aufgetaucht sind. Die Bildqualität der Videoaufnahmen ist zwar bescheiden, lässt die Originalität dieses dynamischen Politikers dafür um so stärker hervortreten.

Nicht alle Teile des Mosaiks

Andererseits geht der Film jedoch kaum darauf ein, wie es um die Wirkung von Sankaras umtriebiger Regierung steht. Auskunft darüber, wie sich das Leben der Einwohner unter seiner Regierung veränderte, ob seine Kampagnen etwa die rechtliche Gleichstellung der Frauen oder die Förderung der Landwirtschaft – auch erfolgreich umgesetzt werden konnten, erhält man kaum. Am Schluss des oft fesselnden Dokumentarfilms stellt sich so das Gefühl ein, dass diese Skizze eines politischen Lebens nicht alle Teile des Mosaiks zeigt. Gleichwohl scheint die Absicht des Films, Sankara als einen der wenigen afrikanischen Landesführer zu würdigen, denen das Gemeinwohl viel bedeutete, gerechtfertigt. Die Nachfrage nach solchen Persönlichkeiten ist auch heute gross.

Hinweis •••••

«Capitaine Thomas Sankara» läuft im Stattkino Luzern. Heute 19.00 Premiere und Gespräch mit dem Regisseur und Ruedi Küng, Info Africa.


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