Der Luzerner «Tatort» ist ehrlicher geworden

FERNSEHEN ⋅ Diesen Sonntag kommt der zehnte «Tatort» aus Luzern. Neben einem Tiefpunkt gab es mittlerweile auch einige Höhepunkte. Eine Rückschau auf alle Luzerner «Tatort»-Folgen.

10. März 2016, 00:00

Julia Stephan

Das Wetter im Luzerner «Tatort» hat sich verschlechtert. Immer dichter legt sich der Nebel über die Stadt, die sich 2011 noch in Tourismusbildern im besten Sonnenlicht präsentiert hatte. Dem Betriebsklima zwischen Liz Ritschard (Delia Mayer) und Reto Flückiger (Stefan Gubser) hat das nicht geschadet. Im Gegenteil. Dieser Nebel ist ehrlich. Er bildet die Realität ab. Und die ist in Luzern leider oft neblig.

Durchzogene Rankings

Die heiligen Kühe der Tourismus-Schweiz hat man nach zehn Folgen ebenfalls sanft von der Alp getrieben. Fuhren Regisseure wie Markus Imboden, Tobias Ineichen oder Sabine Boss noch mit helvetischem Geschütz wie einer Armbrust auf und liessen die Kommissare sich gegen Mistgabeln schwingende Bergler behaupten, verirren sich die psychotischen Täter heute zum Glück auch mal in die Baselstrasse. Doch ist der Luzerner «Tatort», dessen erster Fall dem SRF 2011 so peinlich war, dass man aus ihm nachträglich eine Kuhglocken-Szene herausoperierte, auch besser geworden?

Seit man Sofia Milos, Ex-Star der US-Serie «CSI: Miami», durch Delia Mayer ersetzt hat und auf die Ästhetik von US-Serien verzichtet – ja, es gab noch eine Zeit, da ratterten in Luzern Zahlen über Bildschirme und wurden in Nahaufnahme Hautlappen durchleuchtet –, sucht Luzern noch nach seiner ehrlichen Haut.

Im Zuschauer-Ranking der Online-Plattform tatort-fundus.de rangiert der herausragende Luzerner Sniper-«Tatort» «Ihr werdet gerichtet» vom letzten Jahr auf Platz 41, Platz zwei nimmt das Bankendrama «Verfolgt» ein (176), der Rest dümpelt bei 991 Folgen irgendwo im 700er-Bereich. Aber: Ein Til Schweiger, der seine «Tatort»-Folgen für «ein Stück deutsche Fernsehgeschichte» hält, schafft es bis auf einen Ausreisser nur auf die letzten hundert Plätze. So schlimm steht es also nicht um uns Schweizer, auch wenn das Ranking das Klischee von der Mittelmässigkeit zu bestätigen scheint.

Zu viel Schweizer Diskretion?

Die Deutschen stören sich an den auf Hochdeutsch synchronisierten Dialogen und dass zwischen Ritschard und Flückiger diese eigenartige Beziehungslosigkeit herrscht. Vielleicht hat das SRF seinem Luzerner Ermittlerteam tatsächlich etwas zu viel Schweizer Diskretion eingeimpft. Als Liz Ritschard im Fall «Zwischen zwei Welten» mit einem Foto konfrontiert wird, das ihre lesbische Neigung offenbart, reagiert Kollege Flückiger auf das Bild auf seine Art. Nämlich nicht. Erst später hakt er vorsichtig nach. Zuvor hatte man sich beim Feierabendbier erstmals lange beim Schweigen zugehört.

In Zeiten, wo deutsche «Tatorte» sich zur Hälfte der Sendezeit in private Dramen verstricken, darf man diese Diskretion aber auch als wohltuend empfinden. So sieht es «Tatort-Fundus»-Gründer François Werner. «Ritschard und Flückiger verstehen sich einfach», sagt der deutsche «Tatort»-Experte. Kein Wunder wird in Luzerner «Tatorten» nur halb so viel gequasselt. Wo man in Münster die Sprüche seines Anti-Charakters geschmeidig und wortreich pariert, beschränkt man sich in Luzern auf Ermittlungsarbeit.

Selbstredend, dass sich bei Wo- und Wann-Fragen kein rhetorisches Feuerwerk entzünden kann. Das liegt aber auch an den Dialogen selbst, die jeden filmisch umgesetzten Gedanken umständlich ausformulieren. Ein Beispiel gefällig? Figur 1: «Und jetzt?» – Figur 2: «Sind wir am Arsch!» SRF-Fernsehfilmchefin Lilian Räber sieht weniger in der Synchronisation das Problem als in der schweizerdeutschen Färbung derselben. Diese aber entspräche dem Wunsch der ARD.

Mit der Emotion tun sich die Schweizer sowieso schwer. Wut bleibt in Luzern leise. Traumata führen zu keinen Schreianfällen. Als Liz Ritschard einem Auftragskiller das Leben wegballert, bleibt das eine Sache zwischen ihr und der Staatsanwältin. Bei Kollege Faber aus Dortmund hätte man mit diesem seelischen Müll eine halbe Folge bestreiten können.

Fokus liegt auf dem Fall

Und so kommts, dass Privates eben privat bleibt. Deutsche finden das merkwürdig. Manche Schweizer aber auch. Und man fragt sich schon, warum man beim SRF nicht auch mal eine Figur an die Wand fährt. Lilian Räber sagt auf Anfrage, man habe beim SRF am Anfang bewusst auf die Fälle und nicht so sehr aufs Privatleben der Ermittler fokussiert. Und dass man vor Jahren die vielen blassen Nebenfiguren zusammensparte und Regierungsrat Mattmann (Jean Pierre Cornu) von seinem Regierungsamt befreite und als direkten Vorgesetzten näher an die beiden Kommissare heranrückte, hat aus dem nervigen und durchschaubaren Despoten eine komplexere Persönlichkeit werden lassen.

Inzwischen hat man sich dem deutschen Trend zögerlich angeschlossen. Luzern hat jetzt einen Praktikanten. Und «Reto Flückiger wird sich irgendwann mit Beziehungsfragen herumschlagen müssen», verrät Räber. Im aktuellen Luzerner «Tatort» (siehe Kritik rechts) turtelt er bereits per SMS mit einer Frau. Ritschard soll sie kennen.

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