Geburtstag der Woche

«Der Tomi»: Freigeist und Alleskönner

28. November 2016, 00:00

Manche sagen über ihn, er habe fünf Leben gelebt, während sie eines gelebt haben. Ans Aufhören denkt der französische Karikaturist, Kinderbuchautor und politische Kopf Tomi Ungerer trotzdem noch lange nicht. Heute feiert er den 85. Geburtstag.

Spannend war sein Leben schon lange, ehe er mit seinen Zeichnungen und Illustrationen bekannt wurde. So trampte er zum Nordkap oder heuerte als Kameltreiber bei Frankreichs Saharatruppen und auf einem isländischen Fischerboot an.

Mit dem Hut eines toten Freundes

Für Ungerer ist es der Beginn seiner Wanderjahre. Es verschlägt ihn in die USA und nach Kanada. Seit 1976 lebt er mit seiner dritten Frau in Irland. Seine Heimatstadt Strassburg besucht er regelmässig. Zum Geburtstag ist er wieder da. Mit einem ramponierten Stock in der Hand, dem Hut eines verstorbenen Freundes auf dem weissen Schopf und einem hellrosa Schal um den Hals schreitet der hagere Franzose durchs Laub. Auch hier ist er zu Hause. Er erinnert sich an die Bäume, die vor dem Werkhaus des Restaurants S’Wacke Hiesel standen, bis ein Sturm sie umfegte. Hier weiss man, wie er seinen Kaffee trinkt. In der Stube zieren seine Bilder die Wände. Eines zeigt einen schwarz-rot-goldenen Dackel, der sich um seine Achse dreht, um in seinen Hintern zu kriechen. Titel: Wiedervereinigung.

Autor von «Die drei Räuber»

Politische Zeichnungen machen einen guten Teil von Ungerers Werk aus. In den USA kritisierte er den Vietnamkrieg und die Rassentrennung. Ein politischer Kopf ist er geblieben. Mit Blick auf die Präsidentschaftswahl in Frankreich fürchtet er, dass die Rechtsextreme Marine Le Pen die nächste sein könnte.

Bekannt geworden ist Ungerer mit Kinderbüchern wie «Die drei Räuber». Auch die hätten häufig einen politischen Hintergrund, sagt er. Ein Beispiel sei «Flix». In der Geschichte geht es um ein Tier, das halb Hund, halb Katze ist. «Das war eigentlich eine Elsässer Geschichte», sagt Ungerer. «Die Deutschen sind die Hunde, und die Franzosen sind die Katzen.» Und die Elsässer, die mal Deutschland, dann wieder Frankreich zugeschlagen wurden, sind irgendwie beides.

Das «Grosse Liederbuch», seine Sammlung von Kinder- und Volksliedern, nennt Ungerer «Missionsarbeit». Er wollte die Lieder wieder bekannt machen.

Lange wurden seine Zeichnungen als zu provozierend empfunden, als pornografisch und sexistisch. Im Strassburger Tomi-Ungerer-Museum hängen die erotischen Zeichnungen nach wie vor im Untergeschoss.

Auch mit 85 arbeitet «der Tomi», wie ihn Weggefährten nennen, immer weiter. Erst in den letzten Jahren sei er wirklich zufrieden. Seine alten Zeichnungen habe er lange nicht ansehen wollen, habe sie nun aber doch wieder hervorgeholt: «Jetzt muss ich zugeben, dass manche Zeichnungen schon in Ordnung sind.»

Claudia Kornmeier, DPA

kultur@luzernerzeitung.ch


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