Die Botschafter des Blues

RÜCKKEHR ⋅ Die Rolling Stones besinnen sich auf ihrem neuen Studioalbum «Blue & Lonesome» auf ihren Ursprung. Das ist ein Statement gegen das Reinheitsgebot der Hitparadenmusik.

26. November 2016, 00:00

Stefan Künzli

kultur@luzernerzeitung.ch

«Wir wollten den Sound des Chicago Blues so echt wie nur möglich», schreibt Stones-Gitarrist Keith Richards in seiner Autobiografie «Life» über die Jahre Anfang der Sechziger. Es war die Zeit, als er Mick Jagger kennen lernte. Die Erweckungsjahre zweier Gleichgesinnter. Rhythm and Blues, vor allem jener aus Chicago, galt als der «heisseste Shit» jener Zeit.

Eigentlich seltsam, denn die Helden des Chicago Blues, Muddy Waters, Howlin Wolf & Co., hatten ihre beste Zeit schon hinter sich. Damals, als sie nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1955 eine elektrische, riffgeladene Gitarrenmusik entwickelten. Die Urform der späteren Rockmusik. Doch Chicago Blues war damals noch eine Musik, die schwarzen Amerikanern vorbehalten blieb. Erst der Rock ’n’ Roll erreichte eine weisse Hörerschaft.

Keine Fragen, keine Erklärungen

Anfang der Sechzigerjahre waren Elvis & Co. aber nicht mehr angesagt. Stattdessen drang erstmals der rohe Chicago Blues, der Vorläufer des Rock ’n’ Roll, ins Bewusstsein einer jungen, weissen Hörerschaft. Vor allem in England. «Der Rock ’n’ Roll der Fünfzigerjahre war ja inzwischen gestorben, zu Pop geworden – ausgelutscht. Rhythm and Blues war ein Begriff, auf den wir uns stürzten, denn er stand für die wirklich mitreissenden Bands aus Chicago», schrieb Richards.

In England waren die Wunden des Krieges noch spürbar. Die Jugend suchte nach etwas anderem. Einer Kultur, die nicht den Konventionen entsprach, und sie fand sie im ungehobelten, rüden, mit sexuellen Anspielungen gespickten Chicago Blues. Es bildete sich eine fanatische Gemeinde, und Mick und Keith waren dabei. «Wir hatten den absolut gleichen Musikgeschmack. Es gab keine Fragen, keine Erklärungen», schreibt Richards. Die Rolling Stones haben sich als ­Bluesband verstanden, und ihr Name geht auf eine Textzeile von Muddy Waters in «Mannish Boy» zurück: «I’m A Rollin’ Stone – I’m A Man.»

Die Stones beschränkten sich am Anfang (1962–1964) darauf, Songs des Chicago Blues, aber auch von Chuck Berry zu covern. Erst danach begannen Jagger und Richards, eigene Songs zu komponieren, und begründeten 1965 mit der Rockhymne «Satis­faction» ihren Ruf als Rockband Nummer eins. Der grosse Durchbruch gelang ihnen aber schon im November 1964 mit «Little Red Rooster», einem Song von Willie Dixon in der Version von Howlin Wolf. Es war der erste und einzige Bluessong, der in Grossbritannien je Platz eins der Charts erreichte.

«Wichtig war nur der Sound»

Es ist ein bekanntes Muster in der Popgeschichte. Junge, weisse Musiker eignen sich den Sound der amerikanischen Schwarzen an und erben damit jenen Erfolg, der den afroamerikanischen Vorbildern versagt blieb. Was Benny Goodman, Glenn Miller, Elvis Presley und viele andere vormachten, gelang auch den Rolling Stones. Was war neu, was war anders? «Sie haben den Blues studiert und internalisiert, um ihn dann mit Jugend, Aufsässigkeit und Sex aufzuladen», sagte dazu der erste Manager, Andrew Loog Oldham, im Magazin «Rolling Stone».

Eine explosive Mischung, die man in Europa so nicht kannte. «Wir hatten Glück, dass unsere Idole alt waren, überdies schwarz und hässlich», sagte Richards später einmal. Ein klarer Fall von kultureller Ausbeutung und Aneignung. Gleichzeitig beteuerte er immer wieder, dass er als Jüngling gar nicht wusste, welche Hautfarbe seine Helden hatten. «Wichtig war nur der Sound», sagte er und fragt: «Hat es der Musik geschadet?» Muddy Waters formulierte es 1966 so: «The Rolling Stones stole my music but they gave me my name.» Das heisst: Die Stones haben ihre Idole, ihre Wurzeln, Einflüsse und Inspiration nie verborgen. Im Gegenteil: Die Stones waren Botschafter des Blues und halfen mit, die wahren Helden des Blues bekannt zu machen.

Reimport des Blues

Als die Jünglinge erstmals auf US-Tour gingen, waren sie erschüttert von der Ignoranz gegenüber dem Blues und seinen schwarzen Vätern. «Niemand schien diese Künstler zu kennen», sagte Jagger 1965. Der Reimport des Blues in die USA verlaufe nur positiv, weil er mit dem Prädikat «Made in England» versehen war. Die Stones haben den Blues zurück nach Amerika gebracht. Und während ihrer langen Karriere machten sie es zu ihrer Mission, den Vätern des Blues Tribut zu zollen und ihnen zu grösserer Bekanntheit zu verhelfen.

Vor diesem Hintergrund ist das neue Album «Blue & Lonesome» zu sehen. Das erste Album seit «A Bigger Bang» (2005), das erste Album, das nur Coversongs enthält und ausnahmslos Songs des Chicago Blues und seiner Helden wie Howlin Wolf, Willie Dixon und Little Walter. Der bedeutende Mundharmonikaspieler (Blues Harp) Little Walter wird gleich mehrmals gewürdigt. Das hat damit zu tun, dass Mick Jagger selbst ein formidabler Blues Harper ist und hier ausgiebig die Gelegenheit erhält, seine Fähigkeiten zu präsentieren. Keith Richards hat seinen alten Kumpel stets in den höchsten Tönen gelobt: «Ich kenne keinen besseren Harmonikaspieler.» Der Gitarrist selber hält sich dagegen solistisch zurück. Dafür ist Eric Clapton in zwei Stücken an Bord. Ein schöner Zufall. Der Blues Brother war zur gleichen Zeit im Studio nebenan.

Diese spontane Spielfreude ist auf «Blue & Lonesome» hör- und spürbar. In nur drei Tagen haben die vier Urgesteine mit ihren Verbündeten wie Darryl Jones und Jim Keltner die zwölf Songs eingespielt. Zum Glück haben sie es gar nicht erst versucht zu aktualisieren und bleiben meist nah am Original. Überraschend ist aber, dass die scheppernden Versionen der Stones noch rauer und roher klingen als die eh schon rauen Chicago-Blues-Originale. Ja, «Blue & Lonesome» klingt wie aus einer anderen Zeit. Es ist ein Manifest für die Ehrlichkeit und Authentizität handgemachter Musik. Und ein Statement gegen das Reinheitsgebot des überproduzierten Hitparadenschrotts.

Der Kreis hat sich geschlossen

Und was bedeutet «Blue & Lonesome» für die Stones? Eigentlich wollten sie ja neue Songs aufnehmen. Es klappte nicht. Irgendwie wollte der Funke nicht springen. Erst im Blues fanden Jagger und Richards wieder jene gemeinsame Basis, die sie in den letzten Jahren zusehends verloren hatten. Keine Fragen, einfach nur Musik. Die Stones sind wieder bei ihren Ursprüngen angekommen. Bei ihren Idolen des Blues. «Blue & Lonesome» ist eine letzte Verneigung. Eine Zugabe der Stones erübrigt sich. Der Kreis hat sich geschlossen. Es ist alles gesagt.

Hinweis

Rolling Stones: Blue & Lonesome (Universal). Ab 2. Dezember.

Song aus dem neuen Album «Blue & Lonesome». Ab 2. Dezember 2016 im Handel erhältlich. (youtube.com, 26.11.2016)




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