Die Quellen inspirierten ihn zu «Emotion und Leidenschaft»

KLASSIK ⋅ Er frischte als Pionier der historischen Aufführungspraxis die Entwicklung der Orchesterkultur wie kein Zweiter auf. Gestern ist Nikolaus Harnoncourt nach schwerer Krankheit gestorben.

07. März 2016, 00:00

Urs Mattenberger

«So beginnen in der Regel nur Nachrufe», schrieb unsere Zeitung im Dezember zu den Meldungen über Nikolaus Harnoncourts Rücktritt vom Konzertpodium zu seinem 86. Geburtstag. Da wurde er für sein Lebenswerk «lobgestrudelt», wogegen er sich schon ein Jahr zuvor verwahrt hatte. «Furchtbar», meinte er: «Das klingt so abgeschlossen. Ich bin doch noch nicht fertig! Oder wollt ihr, dass ich alter Trottel aufhöre?»

Rebellischer Pionier

Jetzt, wo der österreichische Dirigent am Samstag nach einer schweren Erkrankung friedlich im Kreis seiner Familie entschlafen ist, fällt es umso schwerer, ohne «Lobstrudelei» an ihn zu erinnern. Das hängt damit zusammen, dass Harnoncourt polarisiert hat. Und dies, seit er in den 50er-Jahren in alten Quellen nach Möglichkeiten suchte, um zunächst Musik von Bach und anderen Barockkomponisten mit seinem Pionierensemble, dem Concentus Musicum Wien, radikal zu entstauben.

Selbst Musikkritiker standen dem rebellischen «Schmalspurmusizieren» auf alten Instrumenten skeptisch gegenüber, und das über die Zeit hinaus, als Harnoncourt ein Durchbruch und Meilenstein gelang. Mit dem Zyklus der Opern von Claudio Monteverdi in Zürich machte er an einem grossen Traditionshaus erfahrbar, was er in Büchern predigte: Dass es nicht um die museale Rekonstruktion eines Originalklangs ging, sondern darum, mit passenden Spielweisen diese Musik zum Leben zu erwecken, als wäre sie von heute.

Seine Anhänger konnten diese Klangrede und der sinnliche Klang der alten Instrumente süchtig machen. In meinem Fall begann es mit einer Aufführung von Händels «Wassermusik» am Radio, die ich als naiver Teenager auf meinem Kassettenrekorder aufnahm – und die mich nie mehr losliess.

Das ORF2 hatte den österreichischen Dirigenten Nikolaus Harnoncourt anlässlich dessen 85. Geburtstages interviewt. Der leidenschaftliche Dirigent erklärte dabei seine Weltanschauungen. Harnoncourt ist am 6. März 2016 im Alter von 86 Jahren verstorben. (youtube.com, 07.03.2016)

Swing wie bei Sinatra

Natürlich gab es bei Harnoncourt auch die scharfen Akzente und raschen Tempi, die sich leicht kopieren liessen. Aber sein Verständnis von Klangrede schloss ebenso hypnotisch gedehnte Tempi, atmende Phrasierungen und eine flexible, ja «swingende» Agogik mit ein, wie er sie bei Sängern wie Marlene Dietrich oder Frank Sinatra bewunderte. Sie übertrug er, bis ins hohe Alter überraschend, nicht nur auf Mozart, Beethoven oder Bruckner, sondern bis hin zu Johann Strauss oder George Gershwins «Porgy And Bess». Mindestens so wichtig wie das Studium der Quellen war dabei die bohrende und leidenschaftliche Magie seiner Augen und Hände, mit denen er bald auch moderne Sinfonieorchester verwandelte.

Der Antipode von Karajan

Mit alledem verhalf Harnoncourt in den letzten Jahrzehnten der historischen Aufführungspraxis zu einer Wirkung, die die Entwicklung der Orchesterkultur grundlegend prägte. Ohne dass er – ein weiterer Verdacht seiner Kritiker – nach institutioneller Macht strebte, wurde er als Interpret und Impulsgeber wohl zum bedeutendsten Dirigenten seit der Ära Karajans, als dessen Antipode er gesehen wurde. So konnte Harnoncourt nicht nur bei den Salzburger Festspielen erst nach dem Tod Karajans (1988) auftreten. Auch bei den Internationalen Musikfestwochen Luzern trat er erstmals in den 90er-Jahren auf, bevor er mit alljährlichen Auftritten (bis 2012) zu einer Art Flaggschiff des Osterfestivals wurde.

Tatsächlich nehmen den Namen Harnoncourt noch immer viele Dirigenten in den Mund, wenn man sie nach prägenden Einflüssen befragt. So bekannte Riccardo Chailly als künftiger Leiter des Lucerne Festival Orchestra, Bachs Matthäus-Passion unter Harnoncourt habe ihm einst ein neues Universum eröffnet. Bernard Haitink, der am Lucerne Festival mit dem Chamber Orchestra of Europe eine Stammformation von Harnoncourt dirigiert, liess sich von dessen Aufführungen zum Brahms-Zyklus am Festival inspirieren. Und selbst ein Dirigent wie Christian Thielemann, der als Interpret ganz andere Wege geht als Harnoncourt, bestätigt dessen Bedeutung: «Ich finde es unglaublich, was er angestossen hat – das hat auch mir die Ohren gereinigt.»

Vorbote aktueller Orchestertrends

Harnoncourt leistete aber auch Pionierarbeit, indem er früh das neue Klangbild auf moderne Orchester übertrug – beim Concertgebouw, bei den Berliner und den Wiener Philharmonikern (auch in Luzern) sowie mit dem Chamber Orchestra of Europe, mit dem er 1991 Beethovens Sinfonien in massstabsetzenden Interpretationen aufnahm.

2003 prägte Simon Rattle für den neuen Trend (anlässlich seiner Beethoven-Aufnahmen mit den Wiener Philharmonikern) das Wort von «Kammermusik in ihrer grösstmöglichen Form». Auch diese Formel, die Abbado für das Lucerne Festival Orchestra abwandelte und die viele jüngere Dirigenten in Anspruch nehmen, geht auf die Zeit zurück, als Harnoncourt begann, Errungenschaften der historischen Aufführungspraxis auf moderne Orchester zu übertragen.

Gewiss bleiben von Harnoncourt unvergessliche Aufführungen in Erinnerung oder auf Tonträgern greifbar. Aber auch auf sie würde er wohl das Wort münzen, das er für seine historische Forschung in Anspruch nahm, dass er nämlich «nicht Aufführungen von damals wiederholen» wollte – «das wäre eine akademische Veranstaltung». Er wollte zwar nicht «unwissend einfach nur so dahinmusizieren, sondern auf der Basis von grösstmöglichem Wissen». Aber dieses ermöglichte ihm, und das ist sein eigentliches Vermächtnis, jenes unvergessliche Musizieren aus unbedingter «Emotion und Leidenschaft».

«Eine epochale Persönlichkeit»

Festival «Nikolaus Harnoncourt war eine epochale Persönlichkeit in der Dimension eines Pierre Boulez oder Claudio Abbado», sagt Lucerne-Festival-Intendant Michael Haefliger spontan zum Tod des österreichischen Dirigenten: «Er war wegweisend und hat wahnsinnig viel verändert mit seinem Wissen über Aufführungspraxis und Fragen der Stilistik.»

Diese aktuelle Wertschätzung zeigt, wie viel Harnoncourt auch am Lucerne Festival verändert hat. Die ehemaligen Internationalen Musikfestwochen hatten sich, ähnlich wie die Salzburger Festspiele, erst spät und nach dem Tod Karajans (1988) für Ensembles in historischer Aufführungspraxis geöffnet. Somit kam auch Harnoncourt erst in den 90er-Jahren nach Luzern. Aber er wurde mit regelmässigen Auftritten am Osterfestival (bis 2012) zu einer Art Künstler in residence und trat auch mit Spitzenorchestern wie den Wiener Philharmonikern im Sommer auf.

Von Harnoncourts fanatischem Ausdruckswillen zeugte etwa eine Johannes-Passion, in der das «Kreuzige» akzentuiert wurde, als würden bereits die Nägel eingeschlagen. Beethovens «Christus am Ölberg» nennt Haefliger als Beispiel dafür, wie Harnoncourt sich für weniger bekannte Werke engagierte: «Weil sein Dirigieren etwas wahnsinnig Absolutes hatte, polarisierte er. Aber diese Absolutheit machte eben auch unterschätzte Werke zu Meisterwerken und prägte das Osterfestival stark.»

Das ORF2 hatte den österreichischen Dirigenten Nikolaus Harnoncourt anlässlich dessen 85. Geburtstages interviewt. Der leidenschaftliche Dirigent erklärte dabei seine Weltanschauungen. Harnoncourt ist am 6. März 2016 im Alter von 86 Jahren verstorben. (youtube.com, 07.03.2016)




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