Edison – der schreckliche Erfinder

LITERATUR ⋅ In seinem Roman «Licht» lässt Anthony McCarten den Erfinder Thomas Edison auf ein schwieriges Leben zurückblicken. Selbst die Paranoia wird sichtbar, der die grossen Erfinder dieser Welt vielleicht alle irgendwann verfallen.
18. März 2017, 00:00

Rolf App

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Wenn Thomas Edison nicht diesen Besuch bekommen hätte, was wäre dann aus ihm geworden – und was aus seinen vielen Erfindungen? Es ist ein mächtiger Mann, der sich bei ihm meldet: John Pierpont Morgan, Bankier und Lebemann mit eindringlichen Augen und riesiger Nase, hat erkannt, dass sich da wunderbare Geschäfte machen lassen. So nimmt er denn das seit Kindertagen schwerhörige Genie unter seine Fittiche und finanziert ihm auch die merkwürdigsten Projekte. Zeit seines Lebens sucht Edison etwa nach Wegen, mit den Toten im Jenseits zu kommunizieren.

Der Banker und der Sonderling: Kein schöneres Gespann lässt sich finden für einen Roman. In «Licht» erzählt Antony McCarten von aufregenden Zeiten und von einem Amerika, dessen Möglichkeiten unbegrenzt scheinen. Wenn man seine Chancen auch zu erkennen vermag. McCarten tut es grossteils in Rückblenden und in Zeitsprüngen, die manchmal logisch erscheinen, manchmal auch wieder nicht.

Der Sonderzug hält an, und einer steigt aus

Wir lernen den Thomas Edison von 1878 kennen, einen 31-Jährigen, dessen tausend Patente ihm kaum je Geld eingebracht haben. «Damit, dass man die Welt verbessert, verdient man kein Geld», sagt er. «Nur mit ihrer Zerstörung.» Er begegnet uns 1929, als fast 83-Jähriger, den man in einen Sonderzug gesetzt hat zur Feier seiner grössten Erfindung – einer Glühbirne, deren Lebensdauer sie endlich zum Massenprodukt macht und die Elektrifizierung der Welt ermöglicht. Alle Grossen sind da. Henry Ford hat Edisons allererste Werkstatt nach Dearborn, Michigan, bringen lassen, Präsident Hoover erwartet den Zug, und in Chicago sitzt Albert Einstein bereit, um eine Botschaft per Telegramm zu übermitteln.

Doch dann kommt der Zug für ein paar Minuten bei einer verlassenen Bahnstation zum Stehen, und als er wieder abfährt, sitzt da ein Mann an der zerfallenen Bahnstation. Der Ehrengast hat sich aus dem Staub gemacht. Er braucht Zeit, «um all die qualvollen, erdrückenden Erinnerungen zu ordnen, offene Rechnungen aus fünfzig Jahren».

Der Erfinder am Tiefpunkt seines Lebens

Die schlimmste dieser offenen Rechnungen hat mit einem Mann zu tun, der zuerst sein Mitarbeiter ist, dann sein Konkurrent und der im Unternehmer George Westinghouse einen ebenso potenten Förderer findet. Es ist Nikola Tesla, der sich sogar öffentlich unter Strom setzen lässt, um zu beweisen, wie ungefährlich der Wechselstrom sei, mit dem er seine Erfindungen betreibt. Edison allerdings ist überzeugt: Im Gleichstrom liegt die Zukunft. Den Wechselstrom hält er für brandgefährlich.

Mit ihm liesse sich sogar eine Maschine betreiben, die den Menschen vom Leben in den Tod befördert, sagt Edison, und zwar rasch und schmerzlos. Und so kommt es, dass er den elektrischen Stuhl entwickelt. Jetzt ist er am Tiefpunkt seines Lebens angelangt. Wohin sein geradezu wütender Egoismus führt: Nie wird es so deutlich wie hier. Und sogar John Pierpont Morgan, dessen Skrupellosigkeit legendär ist, geht jetzt auf Distanz.

Erzählt in knappen Strichen

So wird Anthony McCartens «Licht» zum Lehrstück über ein ebenso glorreiches wie abstossendes Kapitel menschlicher Geschichte. Erzählt wird es in knappen Strichen, die, Stück um Stück, jene Paranoia sichtbar werden lassen, der die grossen Erfinder dieser Welt vielleicht alle irgendwann verfallen.

Der Mann, an dem der elektrische Stuhl ein erstes Mal ausprobiert wird, ergibt sich mit grossem Gleichmut in sein Schicksal. «Er glaubt, Ihr Name garantiere ihm einen raschen Abgang», erzählt man Edison. «Er hält grosse Stücke auf Sie.» Doch dann kommt es anders.

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