Eine «Papierliebe» spitzt sich zu

08. September 2016, 00:00

Literatur «Fremdgehen ist doch die allerschönste Scheisse», denkt Julia, als sie schon mittendrin steckt. Die verheiratete Mutter hat sich nach anfänglich formellem Mail-Verkehr mit einem Dozenten vom Briefverkehr in den Liebesbriefverkehr bis in den Geschlechtsverkehr hineingesteigert. Aus der «blossen Papierliebe» ist eine mehrjährige Parallelbeziehung geworden mit Lino, diesem «Kauz». Der tobt sich mit der neuen Liebe in einer fremden Stadt aus, derweil Julia ihre amourösen Zeilen noch vor den familiären Zwängen frühmorgens verfassen muss.

Der erste Roman der für ihre Lyrik und Erzählungen bekannten Urnerin Lisa Elsässer erzählt die briefliche Annäherung zweier ungleicher Menschen. Dabei steht die sprachlich erarbeitete Vertrautheit stets unter Verdacht, künstlich zu sein: Nirgendwo lässt sich besser lügen als auf Papier. Erotisch sind die Briefe keineswegs. Eher eine erotische Auseinandersetzung mit der Sprache, ein Tasten nach Worten für Sinnbilder dieser Liebe, die sich aus sich selber speist und deren Widersprüche – man sucht nach kompromissloser Ehrlichkeit trotz Realitätsverweigerung – die Autorin in rhetorischen Figuren manifest macht.

Empfindliches Gleichgewicht

Diese Liebe auf papierener Basis bleibt ein empfindliches Gerüst, das mit Geschriebenem noch schneller zerstört ist als mit der Rede. Und nach der ersten hautnahen Begegnung häuft sich die Enttäuschung in vielen nicht abgeschickten Briefen.

Der Text schwächelt da, wo er von der Fantasiewelt der Liebenden in plakativ geschilderte Alltagsrealität wechselt. Wenn der Ehemann die Affäre akzeptiert mit den Worten: «Die ganze Welt ist voll von diesen Geschichten, warum sollte es ausgerechnet uns beiden anders ergehen», klingt das mehr nach Aphorismus als nach einem Menschen aus Fleisch und Blut.

Elsässer hat einen schönen Zitatfetzen von US-Autor Richard Ford («Ungleiche Dinge zu einem Ganzen verbinden, in dem das Gute geborgen ist») zur Rezeptur genommen, um diese Liebe ohne bitteren Nachgeschmack zu Ende zu führen. Indem Julia die gescheiterte Beziehung zu einem Liebesbriefroman verarbeitet, bekommt die Geschichte einen Sinn, der über sie selber hinausweist.

Julia Stephan

Lisa Elsässer: Fremdgehen. Rotpunktverlag, 182 Seiten, ca. Fr. 24.–.

Vernissage: Heute, 19.45 Uhr im Literaturhaus Zentralschweiz in Stans. Infos: www.lit-z.ch


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