Eine Weltraumreise im KKL

PIANO-FESTIVAL ⋅ Geniestreich oder Effekthascherei? Cameron Carpenter liess mit seiner Hightech-Orgel im ausverkauften Konzertsaal keinen Besucher kalt.

23. November 2016, 00:00

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

«Dieser Mann ist ein Genie», begeisterte sich am Montag ein Besucher im ausverkauften Konzertsaal über den «Erfinder der Orgel für das 21. Jahrhundert». Cameron Carpenter war mit uns soeben zu einer Reise in den Kosmos seiner elektronischen «International Touring Organ» abgehoben. An Weltraumreisen erinnerte schon die Aufstellung der leuchtenden Boxen, aus denen Cameron den Konzertsaal beschallte, wie es die gute altmodische KKL-Orgel niemals vermöchte.

Unermesslich war aber auch die Vielfalt an Klängen, Farben, Flächen und Linien, die Cameron vom Cockpit aus – ein fünfmanualiges Steuerpult mitten auf der Bühne – wie in einem Laserkrieg der Sterne in alle Richtungen ausschwirren oder sich wie Sternenhaufen ausdehnen liess. So oder ähnlich musste es jener andere Konzertbesucher empfunden haben, der genervt das Gesicht verzog: So viele kaleidoskopische Registerwechsel bei einer Fuge von Bach seien so unnötig wie verwirrlich.

Warmherzigkeit verschwindet

Visionär oder Effekthascher? Selten sind die Meinungen über Künstler so geteilt wie an diesem Abend. Welche diesem Organisten, der sich wie ein Pop-Künstler zu einer Art Kunstfigur stylt, gerecht wird, konnte man in einem Workshop vorgängig zum Konzert erleben. Es war zwar mit einem Dutzend Kindern zwischen Kamerateams eher ein Medientermin, bei dem sich Carpenters Statements über seine Orgel-Philosophie an den Kindern vorbei an ein imaginäres Fernsehpublikum richteten.

Aber die Distanziertheit des Starkults fiel weg, wenn Cameron die Kinder ermunterte, die Orgel auszuprobieren. Am Ende liess er sich gar von der schlichten Melodie eines Buben zu einer Improvisation hinreissen, um die ihn der Moderator vergeblich gebeten hatte. Spontan wie ein Kind nach dem Lustprinzip setzte sich Carpenter ans Instrument, liess die Folk-Melodie durch alle Register fliegen und zwinkerte dem Buben zum Schluss zu: «Toll, dein Stück, das war einfach der zweite Teil davon.»

Die Warmherzigkeit, die man da erlebte, trat im anschliessenden Konzert hinter technischen Aspekten zurück. Synthetisch wirkten die bei bedeutenden Konzert- und Kirchenorgeln aufgenommenen Klänge der Touring Organ nicht – im Gegenteil: Gerade im ersten Teil mit Werken von Johann Sebastian Bach waren viele Register mit Geräuschen gekoppelt, die den Wind und die Mechanik traditioneller Instrumente heraufbeschwörten.

Musikalische 3D-Projektionen

Die Mischungen, die Carpenter damit erzielt, sind dennoch oft unerhört neu. Carpenter rückt zwar selbst bei Meisterwerken wie Bachs «Passacaglia in c-Moll», die er geisterhaft aus Katakombengrüften heraufdämmern liess, wie ein moderner Produzent das Sounddesign in den Vordergrund. Aber er passt den Kontrapunkt damit nicht nur der heu­tigen Reizüberflutung an. Im Gegenteil: Auf keiner Konzert- geschweige denn Kirchenorgel lassen sich die unterschiedlichen Stimmverläufe derart entknäueln und glasklar mitverfolgen, wie es hier der Fall war. Möglich machen das nicht nur die Registerfarben, sondern die rund um die Bühne postierten und in alle Richtungen abstrahlenden Lautsprecher.

Sie sind überhaupt die grösste Überraschung des Abends. Der Hauptunterschied zu akustischen Instrumenten liegt darin, dass die Touring Organ weniger gleichmässig den Raum füllt, sondern die Klänge fokussiert in ihn hineinprojiziert. Wie 3D-Projektionen ragten im zweiten Teil – in Werken von Messiaen, Liszt und Skrjabin – Soloregister vor raunenden Klangflächen plastisch wie Skulpturen in den Raum. Die Idee eines Surround-Sounds, wie ihn etwa räumlich verteilte Orgelwerke wie in der Hofkirche erzielen, treibt diese Touring Orgel damit auf die Spitze.

Bach auf der Orgel tanzen

Das Erste, was man von Carpenters Spiel wahrnahm, war dennoch seine Virtuosität, die selbst Skeptiker neidlos bewundern. Ein Organist, der vierhändig spielt, meinte: Wie flink der Amerikaner in Bachs fünfter französischer Suite mit den Füssen über die Pedale tanzte, war Youtube-reif. Aber Carpenter zog eben auch alle Register, indem er den Klang nach allen Seiten verräumlichte und staffelte. Erstaunlicherweise überzeugte das in den mehr von den Klangfarben her komponierten Werken des zweiten Teils weniger als beim analytisch auseinanderdividierten Bach.

In Messiaens «Dieu parmi nous» mochte es an den Grenzen der Saalakustik liegen, dass sich die Klänge nicht stärker mischten und zu Härte tendierten. Es lag aber auch an Carpenters Hang zum amerikanischen Orgel-Gigantismus, zu dem er sich zuvor bekannt hatte. Vollends amerikanisch war seine Version von Robert Schumanns «Studie für den Pedalflügel», deren romantisches Biedermeier Carpenter zu einer Art wummerndem musikalischem Disneyland verfremdete.

Das Publikum votierte mit kräftigem Applaus dann trotzdem klar für «Genie».


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