Elton John: «Ich habe heute mehr Spass denn je»

NEUES ALBUM ⋅ Superstar Elton John besinnt sich auf seine Anfangszeit in den frühen 70er-Jahren. Und entdeckt dabei den Rock wieder.

05. Februar 2016, 00:00

Mit weltweit über 250 Millionen verkauften Einheiten, unzähligen Welthits, sechs Grammys und einem Oscar gehört Elton John zu den erfolgreichsten lebenden Popstars. Seit den 70er-Jahren reiht der heute 68-jährige Brite Charterfolg an Charterfolg.

Und doch musste er nach der Jahrtausendwende einen Karriereknick hinnehmen. Die Welthits blieben aus, und seine Alben erreichten nur noch ausnahmsweise die Top Ten. Irgendwie schien sein Erfolgsrezept ausgereizt. Kitschalarm! Irgendwie hatte man einfach genug von diesen schwülstigen Songs mit dem Hang zur Opulenz, von diesen tranig-triefenden Balladen, die allzu oft in klebrige Streicherpampe gehüllt waren.

Elton John dachte ans Aufhören und wusste, was die Stunde geschlagen hat. «Wenn ich noch mal da raus will, dann müssen wir etwas vollkommen anderes machen», sagte er damals der britischen Zeitung «The Daily Telegraph». Für den Neubeginn angelte er sich den amerikanischen Starproduzenten T-Bone Burnett, einen Spezialisten für handgemachten, authentischen Sound.

(youtube.com, 05.02.2016)

Schon drei Alben hat Elton John inzwischen mit Burnett gemacht, und jedes klingt anders. «The Union» (2010), ein Album mit dem alten Klavier-Kumpel Leon Russell, war ein amerikanisches Album mit Songs zwischen, Rockabilly, Country, Gospel und Southern Rock. «The Diving Board» (2013) war sein Klavieralbum, auf dem Elton John sein instrumentales Können in den Vordergrund stellte. Ein intimes Album, auf dem wir aber die Ausgelassenheit vermissten.

Genau das holt er jetzt nach: «Ich glaube nicht, dass ich jemals ein solch energiegeladenes, schnelles Album gemacht habe. Das ist Rock’n’Roll», sagt er über «Wonderful Crazy Night» und knüpft bei Songs wie «Crocodile Rock» oder «Honky Cat» an. Vor allem im Titelsong, «In The Name of You» oder «Claw Hammer» erinnert uns Elton John daran, dass er auch oder vor allem ein fantastischer Boogie-Pianist ist. Musikhistorisch betrachtet, ist der Pianist Elton John der Link zwischen dem New-Orleans-Klavierspiel eines Professor Longhair (1918–1980), seinen Schülern Dr. John und Allen Toussaint, und der Popwelt.

Aber eigentlich ist «Wonderful Crazy Night» ein Gitarrenalbum. Wurden bei «The Diving Board» die Gitarren nur sehr dezent eingesetzt, sind sie hier dominant. Oder jedenfalls so prägend wie noch nie bei Elton John. Sogar in den wenigen Balladen «Good Heart» und «Blue Wonderful» erklingen akustische und elektrische Gitarren fast gleichberechtigt neben dem Piano des Meisters.

«Wonderful Crazy Night» ist kein krachendes, raues Rockalbum. Elton John bleibt auch in den Rock-Songs Pop-affin. Wenn Elton John von Rock’n’Roll spricht, dann meint er vor allem den spontanen Geist, den diese Aufnahmen atmen. Wie damals in den frühen 70er-Jahren, als die Alben «Goodbye Yellow Brick Road» und «Honky Chateau» entstanden.

Kurze Aufnahmezeiten

Das 32. Studioalbum wurde in nur 17 Tagen komponiert, einstudiert, aufgenommen und produziert. Die Lyrics seines langjährigen Texters Bernie Taupin hat er erst im Studio gesehen und liess sich dort von ihnen zu Songs inspirieren. Am Morgen schrieb er jeweils einen Song, die Band-Musiker lernten die Akkorde, und noch am selben Tag wurde der Song eingespielt und aufgenommen.

Eltons Hang zur Überproduktion wurde mit diesem Vorgehen ausgetrickst. Nein, die Streicherwand vermissen wir nicht. Gitarre, Bass, Schlagzeug, dazu ein Keyboard und gelegentlich eine Perkussion genügen. Mehr braucht es nicht. Das ist die Handschrift von T-Bone Burnett. «Ich wollte etwas Gefreutes. Etwas, das man in den Konzertarenen spielen kann», sagt Elton John. «Wonderful Crazy Night» ist ein lebensbejahendes, optimistisches Album, das Freude macht. Ein Album mit einem direkten Live-Feeling. «Ich bin wieder dort angekommen, wo ich in den frühen 70er-Jahren war», sagt Elton John.

Elton John rockt wieder. Ob damit auch der grosse Erfolg zurückkommt, steht auf einem anderen Blatt. Denn den Smash-Hit, den Ohrwurm suchen wir auf «Wonderful Crazy Night» vergebens. Doch das ist eigentlich egal. Dafür überrascht er uns mit jedem neuen Album. «Ich jage nicht mehr nach Spitzenplätzen in den Charts», sagt er, «dafür habe ich mehr Spass denn je. Ich liebe meine Band. Ich liebe es, Konzerte zu geben. Ich bin 68 und fühle mich in den besten Jahren meines Lebens.»

Stefan Künzli

Elton John: Wonderful Crazy Night (Universal)

Bewertung: 4 von 5 Sternen

(youtube.com, 05.02.2016)




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