Er blieb seiner düsteren Linie treu

KUNST ⋅ Seine surrealistischen Gemälde sind weitum bekannt. Jetzt rücken das Aargauer Kunsthaus und eine Publikation die Zeichnungen des Luzerner Malers Max von Moos (1903–1979) ins Zentrum.

07. September 2016, 00:00

Julia Stephan

«Angst ist für mich ein Dauerzustand», sagt Max von Moos. Stilvoll gekleidet und mit Haltung sitzt der Künstler am Tisch seines Luzerner Ateliers, das er Jahrzehnte zuvor von seinem Vater geerbt hat. Der im Aargauer Kunsthaus gezeigte Fernsehbeitrag aus dem Jahr 1977 zeigt den Künstler, wie er sicher und konzentriert und mit einer berührenden Altersmilde im Gesicht einen Filzstift über das Papier führt. Von Moos hat zu diesem Zeitpunkt noch zwei Jahre zu leben. Die Augen hinter der schwarzen Hornbrille schwächeln. Die Öl- und Temperamalerei hat er aufgegeben. Doch mit dem Filzstift zieht er seine düsteren Linien bis in den Tod.

Bilder ohne Trost

Max von Moos, Sohn des Luzerner Künstlers Joseph von Moos und wichtiger Schweizer Vertreter des Surrealismus, war während vierzig Jahren ein prägender Lehrer der Luzerner Kunstgewerbeschule. Er malte gegen die Angst, indem er sie malte. Auf seinen Öl- und Temperagemälden und auf seinen Zeichnungen wimmelt es von verstümmelten Gliedmassen und von wurmzerfressenen Leibern. Es winden sich Schlangen um antike Säulen, die unter den Lasten menschlich ächzen.

Es sind Bilder ohne Trost, gemalt von einem Künstler, der sich früh vom Katholizismus seines Elternhauses abgewandt hatte. Nicht zu Unrecht hat der Kunsthistoriker Roman Kurzmeyer von Moos einmal mit Walter Benjamins berühmt gewordenem «Engel der Geschichte» verglichen. Da wie dort derselbe trostlose Blick auf den Trümmerhaufen unserer Geschichte, den von Moos mit seinem bildungsbürgerlichen Wissen um christliche Teufelsikonografie und antike Mythen auf seine Weise und ohne Heilsversprechen immer wieder aufs Neue gemalt hat.

Nie geborgen gefühlt

Rund 25 000 Zeichnungen von Max von Moos’ Zeit sind überliefert, nur etwa die Hälfte davon zählt zu seinem künstlerischen OEuvre. Angst macht produktiv. Dabei habe er, so der Künstler, eigentlich eine glückliche Kindheit gehabt. Nur geborgen habe er sich nie so recht gefühlt in diesem Leben. Von Moos, der in der Nachkriegszeit von der Pop Art unbeeindruckt seine düstere Linie fortsetzte, die nie gerade läuft, sondern sich immer leicht schlängelt wie das Gewürm auf seinen Bildern, ging es auch gar nie um die persönliche Biografie, sondern um ein existenzielles Grauen angesichts einer Welt, für deren Zukunft er sich zeitweise auch politisch engagiert hat.

Diese Ausrichtung aufs Allgemeine kommt seinem Werk nachträglich zugute, denn die zeitlichen Bezüge muss man nicht kennen, um von der Wucht dieser Bilder überwältigt zu sein. Noch nie konnte man von Moos’ Zeichnungen so konzentriert betrachten wie in Aarau, wo in der Ausstellung «Max von Moos. Der Zeichner» 90 Exponate zu sehen sind. Neben privaten Leihgaben wurden die meisten Werke von der Max-von-Moos-Stiftung zur Verfügung gestellt.

Die zeitlose Frische eines Max von Moos konnte man zuletzt im Jahr 2011 erleben. Eine Ausstellung im Kunstmuseum Luzern hatte den Künstler zeitgenössischen Positionen gegenübergestellt. Der damalige Direktor Peter Fischer wird nun begleitend zur Aarauer Ausstellung im Herbst bei den Edizioni Periferia eine neue Publikation über das zeichnerische OEuvre des Künstlers veröffentlichen. Man darf gespannt sein, ob es Fischer gelingt, das Bild vom Kulturpessimisten und Skeptiker von Moos, das in den letzten Jahrzehnten genauso erstarrt ist wie viele der gezeichneten Figuren des Künstlers, um einige Facetten zu erweitern.

Denn die Zeichnungen in Aarau – der erste Raum gibt einen Überblick von den Kinderzeichnungen bis in die 1970er-Jahre, die daran anschliessenden Kabinetträume setzen motivische Akzente auf die von Moos’schen Architektur- und Maskenarbeiten – wirken moderner, lebendiger und abwechslungsreicher als die bekannten Werke aus Öl. Erst hier kommt die von Moos’sche Linie in ihrer ganzen Virtuosität zum Vorschein. Bemerkenswert ist, dass diese die existenzielle Verunsicherung ohne Suchbewegung und mit einer grossen Sicherheit aufs Papier bringt. Dass die Fratzen bisweilen fast Comic-hafte Züge besitzen, gibt den Werken zudem eine Leichtigkeit, welche den düsteren Ölbildern völlig abgeht.

60 Zeichnungen am Stück

Im letzten Saal der Aarauer Ausstellung hängen allein sechzig Zeichnungen, eng gereiht und übereinandergehängt zu einem düsteren Rechteck an der Wand. Der Künstler hatte sie im Jahr 1975 geschaffen und noch persönlich rahmen lassen.

Die Filzstiftzeichnungen verdichten vier Jahre vor dem Tod des Künstlers nochmals die Motive, die Max von Moos über Jahrzehnte mit beeindruckender Konstanz erarbeitet hat: der beinahe architektonische Umgang mit Körperteilen, die verstümmelten Gliedmassen, die Verzerrung und das merkwürdige Ineinander von lebloser und belebter Natur – Schädel hängen aufgespiesst auf Ästen, während anderswo aus Schädeln Bäume wachsen. Eine eigenständige Bildsprache. Sie trifft einen auch rund vierzig Jahre später mit Wucht.

Hinweis

«Max von Moos. Der Zeichner» Aarau, Aargauer Kunsthaus. Bis 13. November. Die gleichnamige Publikation von Peter Fischer erscheint im Oktober bei Edizioni Periferia. www.aargauerkunsthaus.ch


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