Er kokettiert mit dem netten Schrecken

LITERATUR ⋅ Jens Nielsens Texte handeln von den Dingen des täglichen Lebens. Doch diese Dinge geraten schnell durcheinander, weil der Autor lustvoll Sand in ihr Getriebe streut.

11. März 2016, 00:00

Der Alltag besteht darin, dass er so abläuft wie alle Tage vorher schon. Doch wehe, ein Rädchen greift nicht, eine Vorstellung wehrt sich, ein Wort entfällt. Sogleich öffnen sich Abgründe. Da steht der grosse dünne Mann in der Bäckerei und sagt: «Ich hätte gerne eine.» Weiter kommt er nicht, so oft er es auf Zuspruch des Bäckers versucht. Der reibungslose Verkaufsvorgang scheitert, die Normalität gerät aus den Fugen.

Grosse Schritte

Das Leben hält uns, wir wissen es ja leider alle aus der eigenen Erfahrung, manche Zumutung parat. Doch müssen wir tatsächlich seinen Anweisungen strikte folgen? – fragt das erzählende Ich mit leichter Beklommenheit. Selbst wenn uns das Leben befiehlt, dass wir die Tür aus den Angeln heben, sie an den Fluss tragen, auf den Namen Schiff taufen und mit ihr übers Wasser hinwegtreiben?

Besonders gerne drohen morgendliche Vorsätze auf die falsche Bahn zu führen. So will der Erzähler einmal in der Früh mit grossen Schritten in den Alltag eintreten, doch jeder Schritt gerät zum Spagat, und unter dem Spagat wird er bald zum Hampelmann. Das eine zieht logisch das andere nach sich: Der Erzähler wird grösser, die Mimik riesenhaft, sodass er mehr Gehalt fordern muss. Spätestens beim Chef gerät er dann aber schon wieder ins Trippeln.

Diese Morgengeschichte gibt einen Hinweis auf den Entstehungszusammenhang der meisten dieser neuen im Buch «Flusspferd im Frauenbad» versammelten Texte. Jens Nielsen hat sie für die Rubrik «Früh-Stück» auf Radio SRF Kultur geschrieben. Sie begrüssen den Tag mit einer subtilen Absurdität. In Buchform notiert der Autor seine Texte in lockerem Zeilensatz, sodass sie auch beim stillen Lesen ihre dezente Pfiffigkeit bewahren.

Ein Flusspferd büxt aus

So kann alles passieren. Eine kleine Frau lebt in einer Weihnachtskugel, woraus sie beim Fest befreit und vom Hund aufgeschnappt wird. Das Flusspferd türmt aus dem Zoo, in die Stadt zu den Trams und ins Frauenbad, um in einem mikroskopischen Wassertropfen nach Hause in den Zoo zurückzukehren. Oder eine Suppe geht kaputt und wird vom Suppenflicker neu gekittet.

Mikro- und Makrokosmos geraten durcheinander. Das gut Mögliche schwappt unvermittelt ins Unmögliche hinüber und zieht weitere Kreise dahin, wo uns der Mut meist fehlt. Die Liste der herzlich ungetanen Dinge führt schliesslich zur ernüchternden Einsicht, dass «Wenn man lange genug leben würde / Hätte man irgendwann fast gar nichts gemacht».

Besonders Tiere tun es dem Erzähler an. Beispielsweise das Hündchen, das die ältere Dame spazieren führt, auch nachdem es lange schon krepiert ist und Haut und Knochen langsam von der Leine fallen. Die Mutter des Erzählers hat es beobachtet, doch sie bringt es nicht übers Herz, es der Dame zu sagen und ihr ein neues Hündchen zu kaufen, denn dann «hätte sie ja zwei gehabt».

Liebenswürdiger Erzähler

Nielsen ist ein überaus liebenswür­diger Erzähler. Seine Texte muten ebenso harmlos wie bizarr an. Sie kokettieren mit dem netten Schrecken, der nied­lichen Kalamität, die nie eintritt, womöglich. Mit seinen verspielt abstrusen Geschichten im Kopf geht man, wie es unter dem Titel «Transparenz» heisst, «vorsichtig durchs Leben. Wenn überhaupt.» Wer ihnen zuhört oder sie liest, könnte leicht versucht sein, doch lieber zu Hause zu bleiben und einfach weiterzulesen.

Beat Mazenauer, SFD

Hinweis

Jens Nielsen: «Flusspferd im Frauenbad». Kleine Erzählungen. Der gesunde Menschen­versand, 188 Seiten, 23 Franken.

Jens Nielsen liest heute um 17.30 Uhr an der Eröffnung des Buchmarkts in der Kornschütte Luzern. Am Samstag ist er um 14.00 am selben Ort noch einmal zu Gast.


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