Er machte Pop zum Gesamtkunstwerk

MUSIK ⋅ David Bowie ist tot. Mit 69 Jahren ging eine der schillerndsten Figuren der Popkultur. David Bowie hat sich immer wieder neu erfunden.

12. Januar 2016, 00:00

Stefan Künzli

Er war nichts. Ein jazzbegeisterter Pfadfinder, doch sein Talent als Saxofonist reichte nicht. Er versuchte sich als Davie Jones am Rhythm and Blues. Doch seine Idole hatten schon alles viel besser gesagt. Er war ein Mod, doch The Who hatten den Platz längst besetzt.

Die 60er-Jahre waren die Zeit der Irrwege. Der 1947 im Londoner Stadtteil Brixton geborene David Robert Jones irrte sich immer wieder. Das änderte sich erst, als er mit «David Bowie (Space Odity)» 1969 eine neue Ära einleitete. Inspiriert von Stanley Kubricks Film «2001: A Space Odyssey» schlüpfte er in die Rolle des Astronauten Major Tom und nahm in dessen Gefühlswelt die Probleme jener Zeit auf. Das Spiel mit den verschiedenen Identitäten begann.

Lazarus aus David Bowies letztem Album Blackstar. (, )

Der Lebensstil der 70er-Jahre

Der kommerzielle Durchbruch gelang Bowie 1972 mit «The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars». Bowie spielte darin den Rockstar Ziggy Stardust, der der Menschheit die Botschaft von Liebe und Frieden verkündete, aber an seinen Drogenexzessen scheiterte. Ziggy Stardust verkörpert den selbstzerstörerischen Lebensstil der 70er. Bowie, androgyn, geschminkt und extravagant gekleidet, wurde zum Vorzeige-Musiker des Glam-Rock. Er hatte jedoch keine Lust, sich auf den Alien mit transsexuellen Neigungen zu reduzieren. 1973 liess er den Sternenmann öffentlich sterben: Rock ’n’ Roll Suicide.

Bowie bemühte sich nie gross um Authentizität. Vielmehr bezeichnete er sich selbst als schauspielenden Sänger, der sich den Moden der Popzeit anpasste. Er wurde zum Chamäleon des Pop. Er spürte, dass die Welt tanzen will, amerikanisierte seinen Sound und entdeckte die Disco. Mit der musikalischen Wandlung schuf er eine neue Kunstfigur: den «Thin White Duke», den in eleganter Abendgarderobe gekleideten weissen Soulstar. «Young Americans» (1975) und «Station To Station» (1976) hiessen die beiden Alben aus der Phase des US-«Plastic Soul». Doch Bowie kehrte der Disco den Rücken, bevor der weltweite Disco-Siegeszug richtig einsetzte.

Herumzitternde Gestalten, bizarre Masken und hypnotische Klänge - der Song «Blackstar» aus Bowies gleichnamigen letzten Album ist faszinierend, aber auch sehr düster. Bowie ist am 10. Januar 2016 verstorben - bloss zwei Tage nach seinem 69. Geburtstag und der Veröffentlichung von «Blackstar». (youtube.com, 20.11.2015)

Bowie war ein Avantgardist, sah nicht nur musikalische Strömungen voraus, sondern auch neue kommerzielle Trends. Seine Vorahnungen führten ihn Ende der 70er-Jahre nach Berlin, wo ihn Electro- und Ambient-Pionier Brian Eno in ein neues Universum der elektronischen Klänge einführte: Kraftwerk, Tangerine Dream und Karl-Heinz Stockhausen wurden seine Leitfiguren. Mit Brian Eno wechselte er zu düsteren, introvertieren und experimentellen Sounds und schuf die sogenannte Berlin-Trilogie mit den Alben «Low» (1977), «Heroes» (1978) und «Lodger» (1979). Musikalisch war es die einflussreichste und originellste Phase seiner Karriere. Erstmals verzichtete Bowie auf die Schaffung einer Kunstfigur. Stattdessen bewies er, dass Innovation und kommerzieller Erfolg sich nicht ausschliessen.

Erweiterung des Pop

In den 80er-Jahren folgte die nächste Kehrtwende. Er benutzte das Video als neue Ausdrucksform und verband seine Musik mit seinen filmischen Vorstellungen. Bowies Musik wurde immer angepasster und poppiger. Auf dem Album «Let’s Dance» streifte er die Rolle des Avantgardisten ab. «Let’s Dance» wird zum erfolgreichsten Album seiner Karriere. Die Popwelt lag Bowie zu Füssen, aber er hatte seine visionäre Kraft verloren. Bowie schlitterte in eine Schaffenskrise und gönnte sich eine Pause.

In den 90er-Jahren wechselte das Chamäleon abermals seine Farben. Spielte deftigen Rock, experimentierte mit Drum ’n’ Bass und Techno. Aber er erreichte nie mehr die Wirkung und den Erfolg früherer Werke. 2003 erlitt Bowie einen Herzinfarkt und zog sich zurück. Zehn Jahre später überraschte er seine Fangemeinde mit dem unerwarteten Comeback-Album «The Next Day», auf dem er gekonnt seine Karriere aufrollt.

  • British singer David Bowie dies 69
  • David Bowie und Iman
  • David Bowie

Der britische Sänger und Künstler David Bowie ist am 10. Januar 2016 im Alter von 69 Jahren an Krebs gestorben. Kurz zuvor hatte er mit «Blackstar» (dt.: schwarzer Stern) sein letztes Album veröffentlicht. Bowie begeisterte, schockierte und inspirierte die Musikwelt wie nur wenige vor ihm, daher steht schon jetzt fest: Dieser Stern wird auf ewig weiterleuchten.

Abgesang auf «Blackstar»

Erst auf «Blackstar», dem letzten Album, erfindet sich Bowie nochmals neu. Zusammen mit Jazzern improvisierte er ein grossartiges Stück progressiven Pop. Risikoreich, bizarr und düster. Zwei Tage nach der Veröffentlichung ist Bowie gestorben.

Anders als andere Grössen der Pop- und Rockmusik hat David Bowie keinen Musikstil begründet. Trotzdem gehörte er zu den bedeutendsten Musikern des Pop. Wie kein anderer begleitete er den Zeitgeist und erweiterte Pop zum Gesamtkunstwerk. Virtuos hat er diverseste Einflüsse zu einem eigenen Ganzen gefügt und Epochen mitgeprägt. Er war nichts und war doch alles.

Illistrationen von Helen Green des mit 69 Jahren verstorbenen britischen Musikers David Bowie. (, )

Begegnungen mit David Bowie

Persönlich Meine erste David-Bowie-LP erhielt ich Mitte der 1970er- Jahre, als 16-jähriger Teenager, von einem Kanti-Kollegen geschenkt: «Aladdin Sane» («a lad insane», ein Verrückter). Eine Offenbarung. Auf dem Cover ein femininer, geschminkter Typ mit rotgefärbten Haaren und blaurotem Strich übers Gesicht. Und dann die Songs auf der damals noch schwarzgerillten doppelseitigen Vinyl-Scheibe: packender Rock ’n’ Roll mit rätselhaft-faszinierenden Lyrics.

Freiheit, Eigenständigkeit, Grenzen überschreiten. Das tun, was man will. Das war das Faszinierende, Neue an den Songs und der Attitüde des Sängers aus London. Ich kaufte mir sofort alle bereits erschienenen Bowie-Alben und später all jene, die folgten.

Zweimal habe ich Bowie als Sänger live auf der Bühne gesehen, in den 1980er-Jahren in Basel und später in Locarno. Einmal bin ich ihm gar persönlich begegnet: im November 1980 in New York. Bowie spielte dort am Broadway als Schauspieler (!) die Hauptrolle im Stück «Elephant Man» (ja, das gleiche, das zurzeit im Theaterpavillon Luzern läuft). Ich studierte an der Columbia University zwei Semester Literatur, Theater und Film, besuchte die Vorpremiere von «Elephant Man» und wartete ein Stunde vor Aufführungsbeginn vor dem Theater auf das Eintreffen der Schauspieler.

Und da kam er – Bowie. In Alltagskleidern, im Gespräch mit einem Schauspielkollegen. Gemütlich schlenderte er an mir vorbei, weniger als einen Meter entfernt. Ich wagte es nicht, ihn anzusprechen. Nicht einmal um ein Autogramm habe ich ihn gebeten.

So war es halt: Bowie als virtueller Lebensbegleiter, der mit seinen Songs berührte und doch irgendwie unnahbar blieb. Seine letzte, vor wenigen Tagen erschienene CD «Blackstar» kann ich mir jetzt noch nicht anhören. Dafür ist der Schmerz noch zu gross.

Hugo Bischof
hugo.bischof@luzernerzeitung.ch

Lazarus aus David Bowies letztem Album Blackstar. (, )

Herumzitternde Gestalten, bizarre Masken und hypnotische Klänge - der Song «Blackstar» aus Bowies gleichnamigen letzten Album ist faszinierend, aber auch sehr düster. Bowie ist am 10. Januar 2016 verstorben - bloss zwei Tage nach seinem 69. Geburtstag und der Veröffentlichung von «Blackstar». (youtube.com, 20.11.2015)


Illistrationen von Helen Green des mit 69 Jahren verstorbenen britischen Musikers David Bowie. (, )

Der britische Sänger erlag am 10. Januar 2016 seinem Krebsleiden. Mit über 140 Millionen verkauften Tonträgern gilt er als einer der einflussreichsten Musiker überhaupt. Bowie's inspirierende Wandelbarkeit brachte ihm den Spitznamen «Chamäleon des Pop» ein. (youtube.com, 11.01.2016)




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