Er tut es schon wieder

ROMAN ⋅ Die Protagonisten von Skandalautor Christian Kracht verfallen braunem Gedankengut. Das Buch ist trotzdem ein Meisterwerk.

12. September 2016, 00:00

Anna Kardos

Als Marketinggag wärs ein Wurf: Man nehme eine Prise explosiv braunes Gedankengut, mische es mit der Hauptfigur eines Romans (immer schön in Ich-Form), quirle das Ganze schaumig durch geheimnisvolles Schweigen darüber, wie das Ganze gemeint sei. Und schon hat man das grosse Echo. Vielleicht sogar einen medialen Krach.

So geschehen beim letzten Buch eines virtuosen Krachmachers namens Christian Kracht. Sein Buch hiess übrigens «Imperium» (die ersten Alarmglocken läuten bereits hier) und erzählte die Wandlung eines Idealisten zum Rassisten, eines Vegetariers zum Arier. Die Zeitungen liefen heiss, die Besprechungen explodierten im Verhältnis zum Vorgängerroman aufs Fünffache.

Dabei war der Autor mit Schweizer Wurzeln und deutscher Attitüde bereits vorher ein Lieblingskind der Szene gewesen. Doch der Rummel hat Kracht eine Achillessehne beschert. Was immer er schreibt, wird seither an den Antisemitismus-Detektor angeschlossen.

«Holdes, trunkenes Deutschland»

Und der Detektor schlägt auch im neuen Roman «Die Toten» gewaltig aus. Weder meidet der Autor die verfängliche Epoche noch das vorbelastete Thema. Vom «holden, trunkenen Deutschland» ist da ebenso zu lesen wie von der «sukzessiven Heranzüchtung eines Mannes, der sich (...) ausserordentlich nützlich zeigen werde», und das Eingangskapitel liest sich wie ein Stundenbuch für sadistisch Veranlagte.

«Oops, he did it again», möchte man über den einst als Pop-Autor bezeichneten Kracht sagen, zumal die Handlung des neuen Romans erst noch halb in Deutschland, halb in Japan angesiedelt ist. Und somit nicht in den neutralsten Zonen der damaligen Weltpolitik. Dass Kracht seine Romansprache, auch seine Protagonisten nicht gegen das Durch-alle-Ritzen-Sickern nationalen Gedankenguts bekenntnishaft abgrenzt, schafft beim Lesen ein grandioses Unbehagen.

Spitze Finger, dann Begeisterung

Doch die spitzen Finger, mit denen man den Roman zunächst in der Hand hält, lockern sich unmerklich. Denn das Buch ist ein kleines Meisterwerk. Elegant der Stil; subtil durchkomponiert die Form. Es geht darin um die Welt des Films in den 1930er-Jahren. Und keineswegs zufällig mit diesem Medium der Massen komprimiert Kracht die grosse Welt in einer kleinen Linse. Da erstaunt es nicht, dass ein strammer Filmtycoon «den Erdball überziehen will mit deutschen Filmen, kolonialisieren mit Zelluloid» oder dass ein japanischer Filmemacher bemerkt, «wie eng verwandt Kamera und Maschinengewehr» sind.

Und die Handlung? Sie entrollt das Leben zweier Männer parallel. Der eine Schweizer, als Filmer grossartig, als Mensch kleinmütig. Der andere Japaner, als Mensch «grauslich begabt» und als Filmer – ebenso. Als gemeinsames Objekt der Begierde kommt Ida ins Spiel, Typ «nordische Frau», mit «zierlichen Zehen» und «flotter Fliegeruniform».

So weit die Anlage. Doch erst, was Kracht daraus macht, ist das Grossartige. Die Figuren bringt er auf vielfachen Ebenen miteinander in Berührung; der Echoraum der geschliffenen Sätze ist immens, und genauso reichhaltig ist der Hintergrund, aus dem er zierliche Scheiben darreicht. Und wie Kracht die Weltgeschichte mit seiner fiktiven Geschichte verknüpft und die fiktive Geschichte wiederum mit der Geschichte in der Geschichte, macht «Die Toten» zum grossartigen Leseerlebnis. •••••

Christian Kracht: Die Toten. Kiepenheuer und Witsch, 211 Seiten, ca. Fr. 29.–.


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