Gast bringt Unheil über Familie

KINO ⋅ «Harmonium» des Japaners Kôji Fukada ist ein düsterer Psychothriller. Er entwickelt langsam eine vertrackte Familiengeschichte um Sprachlosigkeit, verdrängte Schuld und Dämonen der Vergangenheit.

21. März 2017, 00:00

Geri Krebs

kultur@luzernerzeitung.ch

«Harmonium» ist einer dieser Filme, bei denen sich schon in den ersten Minuten der Eindruck einschleicht, unter heiler Oberfläche lauere der Schrecken. Das hat weniger mit einem etwas gar expliziten Dialog zwischen der kleinen Tochter Hotaru und ihrer Mutter Akié am Frühstückstisch zu tun – fröhlich erzählt die Kleine von einer Spinnenart, bei der die Babys ihre Erzeugerin auffressen – als vielmehr mit der Stimmung, die in diesem Kleinbürgerhaushalt irgendwo am Rand einer japanischen Grossstadt herrscht.

Unbeteiligt und stumm in die Zeitung vertieft, sitzt – bevor besagter Dialog stattfindet – Vater Toshio auf einer Seite des Tisches. Während auf der anderen Akié zusammen mit Hotaru das Tischgebet spricht. Ein vielsagendes Bild eines Paares, das sich nichts mehr zu sagen hat.

Und wenn ganz zu Beginn das titelgebende Harmonium erklingt, an dem die Kleine ein Lied übt und dazu bedrohlich das Metronom klappert, lässt schon das nichts Gutes ahnen. Da hilft auch der optimistische Grundton des Liedes nichts, das später wieder ertönt, wenn der geheimnisvolle Herr Takasha der etwas unbedarften Hotaru in ihren musikalischen Bemühungen beisteht.

Ein geheimnisvoller alter Freund

Der stets elegant, meist in Weiss gekleidete Mann war eines Tages in der Metallwerkstatt von Toshio gestanden, die dieser als Familienbetrieb – zusammen mit seiner Frau als Buchhalterin – betreibt. Die zwei Männer kennen sich von früher, das wird gleich klar. Ohne seiner gerade abwesenden Frau ein Wort zu sagen, quartiert Toshio den alten Freund in der Wohnung ein und lässt ihn in der Werkstatt mitarbeiten.

Natürlich ist Akié zunächst wenig begeistert über die vollendeten Tatsachen, vor die Toshio sie gestellt hat, doch bald wird ihr der weltgewandte fremde Mann sympathisch. Und auch als er ihr eröffnet, dass er wegen eines Mordes zehn Jahre im Gefängnis sass, findet sie das eher interessant als beängstigend. «Ein Mann wie er muss von Gott besonders geliebt werden», sagt sie kurz darauf zu ihrem Mann, als sie ihm von dem Gespräch mit Herrn Takasha erzählt. Auf die vielsagende Feststellung reagiert Toshio indes scheinbar so gleichgültig wie später auf die immer offeneren Annäherungsversuche des Freundes an seine Frau.

Katastrophe ereignet sich bereits in der Mitte des Films

Wer jetzt glaubt, dass diese in der Filmgeschichte häufige Konstellation zwischen einem Ehepaar und einem Eindringling in die Katastrophe führt, liegt nicht falsch. Doch sie verläuft ganz anders als erwartet. Und ereignet sich genau in der Mitte des über zweistündigen Films. Von da an ist eine der Hauptfiguren einfach aus der Handlung verschwunden. Dies ist der – scheinbare – Beginn eines anderen Films.

All dies darf hier gesagt werden, ohne sich dem Spoiler-Vorwurf auszusetzen. Denn «Harmonium» ist ein Werk, das mit einer Fülle falscher Fährten, Mysterien und Leichen im Keller arbeitet, dass es eine wahre Freude ist. Es ist der erste Film von Kôji Fukada, der in der Schweiz gezeigt wird. Und er wurde letztes Jahr in Cannes ausgezeichnet. Es bleibt zu hoffen, dass von diesem vielversprechenden Regisseur, der hier bereits seinen fünften Langspielfilm vorgelegt hat, bald mehr in unseren Kinos zu sehen sein wird.

Hinweis

«Harmonium» läuft ab Donnerstag im Stattkino Luzern.


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