Grosser Sohn wiedergefunden

KLASSIK ⋅ Während elf Tagen drehte sich in Brunnen alles um einen Lied- und Opernkomponisten von Weltrang: Othmar Schoeck. Das Dorf am Vierwaldstättersee hat ihn der Vergessenheit entrissen.

13. September 2016, 00:00

Fritz Schaub

Im ausverkauften Festsaal des Seehotels Waldstätterhof setzte das Konzert der Camerata Schweiz am Sonntag den Schlusspunkt hinter das Othmar- Schoeck-Festival, das von 1. bis 11. September mit insgesamt 35 Veranstaltungen aufwartete und mit einem wissenschaftlichen Symposium verbunden war.

Mit dem glänzenden Besuch war das Schlusskonzert ein Spiegelbild des ganzen Festivals, das zum ersten Mal in dieser umfangreichen Form in Brunnen stattfand: Alle Veranstaltungen waren praktisch ausverkauft. Das veranstaltende Kuratorium, dem überraschend von einer Delegation des Bezirks Schwyz ein mit 5000 Franken dotierter Anerkennungspreis überreicht wurde, macht sich denn auch Gedanken darüber, wie dieses Festival eine Fortsetzung finden könnte. Es ist umso wichtiger, dass sich jemand für die Pflege des Werks dieses bedeutenden Komponisten einsetzt, weil die Othmar-Schoeck-Gesellschaft, die sich seit dessen Ableben um den Komponisten kümmerte, aufgelöst wurde.

Ringen um Anerkennung

Schon zu Lebzeiten musste der Komponist um Anerkennung kämpfen und sah sich immer wieder Kritik ausgesetzt. Othmar Schoeck ist zwar in Brunnen geboren, hier aufgewachsen und blieb mit Ausnahme eines Studienaufenthalts in Leipzig bis zum Lebensende in der Schweiz. Die Familie Schoeck aber stammte aus der Pfalz, was in den deutschen Zeitungen von 1933 bis 1945 immer wieder speziell erwähnt wurde und ihm Nachteile einbrachte. Zudem war er ein Komponist deutscher Sprache, komponierte auch in der Tradition der deutschen Romantik und war überdies mit einer Deutschen verheiratet.

Andererseits hegte er antideutsche Gefühle, wie sein Biograf Chris Walton schreibt, die durch das Naziregime verstärkt wurden. Daraus entspann sich der tragische Lebenskonflikt, konnte er doch nicht widerstehen, Uraufführungen seiner Opern – darunter «Das Schloss Dürande», das mit seinem nazistisch verbrämten Libretto von Hermann Burte Gegenstand des Symposiums war – repräsentativen Theatern in Berlin und Dresden anzuvertrauen, was ihm in der Heimat den Ruf politischer Unzuverlässigkeit einbrachte.

Musik in politisch dunkler Zeit

Die Schwyzer Dirigentin Graziella Contratta wandte sich wie folgt ans Publikum: «Wir wählten Werke der 40er- und 50er-Jahre, die in einem gewissen Zwielicht stehen wie die Werke von Richard Strauss, Paul Klecki oder Othmar Schoeck mit dessen ‹Sommernacht›, mit der ich selber als junge Geigerin im Urschweizer Kammerensemble Bekanntschaft gemacht habe. Wir spannen damit einen Bogen zwischen künstlerischem Ausdruck und den Bedingungen einer politisch dunklen Zeit.»

Das Programm des Schlusskonzerts war demnach speziell mit dem zentralen Thema des Schoeck-Festivals verbunden und nicht primär nach programmspezifischen Kriterien zusammengestellt, was den etwas zusammengewürfelten Eindruck ergab. Die zuerst gespielten Werke waren freilich von betörender Schönheit und schon durch das gleiche Entstehungsjahr (1945) und die fast genau gleiche Streicherbesetzung miteinander verbunden. Mit der von einem Gottfried-Keller-Gedicht inspirierten pastoralen Intermezzo «Sommernacht» knüpfte Schoeck nahtlos an sein spätromantisches Liedschaffen an und wurde von der Camerata Schweiz, die aus dem Schweizer Jugend-Sinfonieorchester hervorgegangen ist, im Abwägen von Dankes- und Sehnsuchtsgefühlen in stimmiger Weise interpretiert.

Heiter und hintergründig

Nicht im selben Masse zu überzeugen vermochten die Metamorphosen für 23 Solostreicher von Richard Strauss. Die Melodien dieses dicht gewobenen Trauergesangs über die Zerstörung der Opernhäuser und der Konzertsäle in der Alten Welt kamen nicht richtig zum Tragen und fanden erst am Schluss, bei dem die vier Anfangstakte des «Eroica»-Trauermarsches in der originalen Gestalt erscheinen, zur angemessenen Ruhe.

Bedenkt man, dass die Variationen op. 33 über ein Thema von Jaques-Dalcroze für Streichorchester von Paul Klecki im Kriegsjahr 1940 entstanden, geben sich diese erstaunlich heiter und temperamentvoll, aber auch hintergründig und rätselhaft in der Variation mit den tremolierenden Streichern. Othmar Schoecks Sonate für Bassklarinette op. 41 (Solist: Ernesto Molinari) aus dem Jahre 1927, ursprünglich mit Klavier, verblasste in der Fassung für Kammerorchester gegenüber seinem Gesangszyklus «Befreite Sehnsucht» op. 66 für hohe Stimme und Orchester (1952) nach Gedichten von Joseph von Eichendorff. Hier spielten die Interpreten hörbar befreit auf, allen voran die junge Sopranistin Amelia Scicolone mit ihrer bis hinein in die exponierten Höhenlagen glänzenden und den Saal mühelos füllenden Stimme.


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