Harmoniesüchtig bis zur unausweichlichen Explosion

KINO ⋅ Was mit einem gut gemeinten Winterurlaub beginnt, endet im Wahnsinn. Micha Lewinsky gelingt mit «Nichts passiert» das packende Porträt eines Verlierers.

09. Februar 2016, 00:00
Thomas, Vater von Jenny und Ehemann von Martina, ist wild entschlossen, erholsame und schöne Skiferien in der Schweiz zu verbringen. In seinem Kopf ist es die Krönung einer Therapie, die er nach einem unglücklichen Zwischenfall in alkoholisiertem Zustand gemacht hat. Notabene heimlich – es ist nun mal seine Art, Probleme lieber mit sich selbst auszumachen, als es an die grosse Glocke zu hängen.

Party wird zum Albtraum

Und weil Thomas eben Thomas ist, ein freundlicher Mittvierziger, der dem Frieden zuliebe so ziemlich alles tut ausser «Nein» sagen, fährt neben der eigenen Frau und dem eigenen Kind auch gleich noch Sarah mit in die schönen Schweizer Berge.

Sie ist die Tochter seines Chefs und wie Jenny 15 Jahre alt. In Thomas Kopf ist dies der Anfang einer wunderbaren Mädchenfreundschaft – und hoffentlich eines neuen Auftrags. Die beabsichtigte Idylle währt allerdings nicht wirklich lange. Martina ist furchtbar gestresst, weil sie ihren neuen Roman fertig schreiben will. Eigentlich wäre sie ja ohnehin viel lieber zu Hause geblieben, und zwar am liebsten allein.

Dem nicht genug: Schon am ersten Abend in den Ferien wird eine Party im Dorf für Sarah zum Albtraum. Thomas ist der Einzige, der erfährt, was wirklich passiert ist. Auf Sarahs Wunsch hin behält er das Geheimnis für sich – und verstrickt sich dadurch in ein gefährliches und grosses Netz von Lügen.

Jedes Mittel recht

«Nichts passiert» ist der sarkastische Titel für ein Leben, in dem so ziemlich alles den Bach runtergeht, was den Bach runtergehen kann. Thomas, herausragend gespielt von Devid Striesow («Tatort»), schafft es, jeden Hoffnungsschimmer, jede Aussicht auf reinen Tisch gleich mit dem Vorschlaghammer zu zertrümmern. Um die Harmonie gegen aussen bis zum allerletzten Augenblick zu wahren, ist ihm dagegen jedes Mittel recht.

Fesselndes Tempo

Es gibt Situationen, da sind seine lächerliche Art der Problemlösung und seine Ich-Bezogenheit beinahe kaum auszuhalten. Thomas nervt irgendwann gar so sehr, dass man davonlaufen möchte. Wären da nicht das fesselnde Tempo, die unglaubliche Entwicklung der Geschichte und die schwierige Frage, ob man nicht möglicherweise doch gleich gehandelt hätte wie er.

Rückblickend liegt die Faszination dieses Films aber vor allem darin, dass er mit allerlei tragischen Ereignissen gespickt ist, um die es letztlich aber gar nicht wirklich geht. Die Verbrechen sind nur auf den ersten Blick das wichtigste Thema des Films – denn genauer betrachtet ist «Nichts passiert» eigentlich nicht mehr und nicht weniger als ein beeindruckendes Porträt eines wirklich jämmerlichen Losers: Martin, dieser grundfreundliche Mittvierziger.

Dem in Zürich aufgewachsenen Regisseur Micha Lewinsky, dessen letzter Film «Die Standesbeamtin» in der Schweiz und in Deutschland grossen Erfolg feierte, ist ein 92-minütiges, packendes Kinoerlebnis gelungen. Erstaunlich, dass ihm der satte Plot gemäss Medienmitteilung ganz zufällig «auf dem Fahrrad durch Berlin» eingefallen ist. Der Mann sollte ganz offensichtlich mehr Zeit auf dem Velo verbringen.

Für Filmpreis nominiert

Mit Devid Striesow, dessen Landsfrau Maren Eggert (Martina) sowie den Schweizer Nachwuchsschauspielern Max Hubacher (Severin) und Annina Walt (Sarah) – die für diesen Film und «Amateur Teens» doppelt für einen Quartz nominiert ist – sind die Rollen glaubhaft besetzt. Da stört es auch nicht weiter, dass manche Szenen dann doch etwas gar weit an den Haaren herbeigezogen sind.

Bewertung: 4 von 5 Sternen

Miriam Lenz, sda

Hinweis

«Nichts passiert» läuft ab Donnerstag im Kino Bourbaki (Luzern).

Krimi-Drama von Micha Lewinski. Kinostart: 11.02.2016. (Tel-a-Vision, 26.01.2016)




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